
Politiker brauchen Ausstrahlung
Von der Seele reden
14.04.2025
Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
Jeden Donnerstag um 20:45 Uhr im Radio und bereits vorab hier den ausführlichen Kommentar online hören. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de
Politiker/innen müssen begeistern können
Parteiprogramme werden kaum noch gelesen. Die Ergebnisse der Politik orientieren sich am kleinsten gemeinsamen Nenner der Koalitionsparteien. Wir wissen aus dem In- und Ausland, wie charismatische Spitzenpolitiker/innen gerade auch radikaler Parteien zu viele Wähler/innen begeistern können. Müssen nicht auch unsere demokratischen Parteien sehr viel deutlicher darauf achten, ob ihre Spitzenpolitiker auch ausreichend Ausstrahlung besitzen?
Das griechische Wort Charisma bedeutet eine Gnadengabe. In der jüdisch-christlichen Tradition bezeichnet man damit ein Gottesgeschenk: Weisheit, Wundertätigkeit oder Überzeugungskräfte. " Die charismatische Führungspersönlichkeit ist der rationalen, insbesondere der bürokratischen, schroff entgegengesetzt. Einem Liebhaber nicht unähnlich, bewegt der Charismatiker den störrischen und unzufriedenen Wähler zur Hingabe, er schafft es, dass sich die Wählerinnen und Wähler öffnen und begeistern lassen und sich mit den Zielen identifizieren, die ihnen die charismatische Persönlichkeit in Aussicht stellt. Es gab und gibt Charismatiker, die diese Fähigkeit für ihre persönlichen Ziele missbrauchen, ihre Anhänger aufwiegeln, um sie anschließend zu unterdrücken.
Eine lebendige Demokratie muss Charisma aber nicht fürchten. Im Gegenteil. Eine Demokratie wird erst dann richtig lebendig, wenn das Schöpferische des Charismas zusätzliche Kräfte mobilisiert und Wähler vor Teilnahmslosigkeit und innerer Abkehr schützt. Charisma ist der Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, zum Aufschub oder Zögern entgegengesetzt. Charisma kann Leidenschaft freisetzen und ist damit Bedingung für eine Politik, die wirklich etwas bewegen und nicht nur den eigenen Machterhalt erreichen oder sichern will. Bei diesen Überlegungen geht es mir nicht um die Inszenierung eines Personenkults, eine der Gefahren charismatischer Führung.
Ich hatte die große Ehre, als junger Mann eine Weile in unmittelbarer Nähe Willy Brandts arbeiten zu dürfen. Willy Brandt nutzte zur Durchsetzung seiner Ziele sinnliche und zeichenhafte Handlungen, er machte im heutigen Jargon „symbolische Politik“. Es war sein Sinn für die richtige Verflechtung von Politik und Theatralität, für die Sinnproduktion und Identitätsstiftung in einer Massendemokratie. Seine herzliche authentische Art des Umgangs, seine Erfahrungen mit Leidenschaft, Kampf und Diskriminierung der eigenen Person machten ihn glaubwürdig, seine zum Teil verschlossene Art umgab ihn mit einer bestimmten Mystik und dieses untrügliche Gespür für die richtige Geste im richtigen Moment machten sein Charisma für mich aus.
Um solche Persönlichkeiten geht es mir. Die demokratischen Parteien brauchen wieder solche Parteivorsitzenden, um Menschen, wie Friedrich Merz und Lars Klingbeil, in die zweite Reihe zu versetzen, wo sie hingehören.
Ich wünsche Ihnen eine Woche, in der Sie sich für einen Menschen begeistern können, bitte aber auch in Begeisterung achtsam bleiben.