00:00
01:46
  • Mahler Meint
  • Kommentar

Die Macht der Bilder.

08.12.2020

Dieses Bild hat 50 Jahre überlebt. Es ist ins kollektive Gedächtnis Europas eingegangen und öffnete die Tür für die Versöhnung Deutschlands mit den Staaten Osteuropas. Am 7. Dezember 1970 kniet Willi Brandt vor dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos nieder. Diese demütige Geste war nicht geplant und erstaunte die ganze Welt. Eine Bitte um Vergebung dafür, was die Deutschen den polnischen Juden ange-tan haben. In diesem Moment war klar, dass es keine Worte gibt, die ausdrücken kön-nen, was eine Geste auszudrücken vermag.

Ich habe schon mehrere Beerdigungsfeiern während der Corona Pandemie erlebt. Das schlimmste daran sind nicht die Kontaktbeschränkungen an sich. Das schlimmste ist, dass wir unsere Gefühle nicht in Gesten ausdrücken dürfen. Die stumme Umarmung ist mehr als eine mühsam und stolpernd vorgetragene Beileidsbekundung. Ich finde keine Worte – weil es keine Worte gibt.

Bilder sagen mehr als Worte. Bilder prägen sich ein. Der Sprung des DDR-Volksarmis-ten von Ost nach West über den frisch verlegten Stacheldraht in Berlin, das Bed-In von John Lennon und Yoko Ono im Amsterdam Hilton als Protest gegen den Vietnam-Krieg, die jubelnden Menschen auf der Berliner Mauer am 9. November 1989 – diese Bilder bleiben im Gedächtnis.

Wenn ich meine Lebensgeschichte Revue passieren lasse, fallen mir kaum Worte ein. Bilder aber sind allgegenwärtig. Wenn ich ein Bild erinnere, ist die ganze Geschichte präsent. Es sind nicht die 12.000 Fotos auf meinem Rechner. Es sind die Bilder, die sich die Seele gemerkt hat. So wie die Geste Willi Brands in Warschau. Sie ist im kol-lektiven Gedächtnis Europas abgespeichert.