„Wir Dich nix gerufen ….“

Berlin, irgendwann im Frühjahr 1990. Vor dem Aldi hat sich eine lange Schlange gebildet. Irgendwann wird es einem Türken zu dumm und er sagt zu dem Polen, der vor ihm in der Schlange steht und mault, weil es so lange dauert: „Hey, Kollega, wir Dich nix gerufen ….“

 

An diesen Witz musste ich denken, als ich die Demo der Russlanddeutschen vor dem Berliner Reichstag gegen die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gesehen habe. Vielleicht geht mir das so nahe, weil meine Eltern quasi mit der ersten Welle nach dem zweiten Weltkrieg als Heimatvertriebene Balkan-Deutsche eingereist sind. Sicher auch, weil ich viele Russlanddeutsche kenne, die mit der 2. Welle nach 1989 den Weg in die Heimat ihrer Vorväter gefunden haben.

 

Ja, und weil ich weiß, wie schwer sich viele tun im gelobten Land, von dem die Großeltern in Kirgisien oder Sibirien geschwärmt haben. Für viele von ihnen hat der „Fall Lisa“, der auch von den russischen Medien gehypt wurde und Stimmung gegen die deutsche Regierung und Merkels Flüchtlingspolitik gemacht hat, das Fass zum Überlaufen gebracht. In Marzahn-Hellersdorf ist eine russland-deutsche Comunity entstanden. 30.000 leben dort, und alles ist russisch. Die Läden, die Reisebüros, die Restaurants. Aber die Russlanddeutschen wollen besonders gute Deutsche sein, oberstes Gebot: Ordnung und keine Willkommenskultur für fremde Kulturen. Sie haben in Russland jahrelang darum gekämpft, unter Deutschen leben zu dürfen.

 

Jetzt sind sie hier und leben wieder nicht in einem deutschen Deutschland sondern in einer offenen, multikulturellen Gesellschaft. Durch den Fall „Lisa“, der eigentlich keiner war, ist die Enttäuschung in Wut umgeschlagen.

 

Und in Wählerpotential für die AfD.

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