Von der Seele reden


 
Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de
 
Die Zwanziger Jahre
 
Der Philosoph Walter Benjamin nannte die 20er Jahre Weimarer Republik „Laboratorium der Vielseitigkeit“. Er nannte vor allem die enorme Vielfalt kultureller und künstlerischer Ausdrucksformen. In Berlin explodiert am Abend die Lebenslust. Die neuen Medien, wie Kino und Film, die Öffnung zur Unterhaltungskunst, Revuen, Sex und Drogen, ließen das Elend hinter den Lusttempeln im Lichtermeer vergessen. Wir alle erinnern uns an den Bananentanz der Josephine Baker, die in München nicht auftreten durfte, weil Konservative und Völkisch-Rechte mit diesen sogenannten „Niggertänzen“ den öffentlichen Anstand in Gefahr sahen. Diese Zeit war ein Tanz auf dem Vulkan, wie wir es in der TV-Serie „Babylon Berlin“ nachempfinden können.
 
Gottfried Benn bezeichnet die 20er Jahre als „Berlins wunderbarste Zeit. „So voll von Talenten und so voll Kunst. Wird nie wiederkommen“. Benn konnte nicht ahnen, welche wunderbare Entwicklung Berlin in den Jahren nach der Wiedervereinigung nehmen würde. Es gibt viele Parallelen zum Berlin vor hundert Jahren: das Nachtleben, Wissenschaft und Technik erleichtern uns immer mehr das Leben, Berlin ist – mit Ausnahme seiner Mieten – ausgesprochen günstig und immer mehr Menschen aus aller Welt wollen hier leben. Jedes Jahr wächst unsere Stadt um 70.000 Einwohner. Und wir haben – wie die Weimarer Republik – eine parlamentarische Demokratie im wiedervereinigten Deutschland. Leider gibt es auch negative Parallelen: Wir leben wieder in einer Zeit der Ungewissheiten und Angst, Angst, in dieser Gesellschaft nicht bestehen zu können, den Konkurrenzdruck nicht auszuhalten, der Altersarmut nicht entgehen zu können. Die Planbarkeit der Lebensumstände geht scheinbar immer mehr verloren. Die Kluft zwischen den Erwartungen an die Demokratie und ihren Leistungen ist größer geworden. Und schon versprechen wieder törichte Populisten einfache Lösungen, wo es diese in einer globalisierten Welt immer weniger gibt.
 
Wir aber leben nicht in Armut, sondern in nie zuvor gekanntem Wohlstand, wir haben in Berlin sicher eine der besten ärztlichen Versorgungen auf der Welt und unterschiedlichste Schulen und 52 Hochschulen mit einer Viertel Million Studierenden. Großartig.
 
„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft“, hat uns Wilhelm von Humboldt ins Stammbuch geschrieben. Und ich füge hinzu: „Und aus ihr lernt!“ Und da bin ich zuversichtlich. Dreiviertel unserer Menschen zeigt Widerstand gegen die Extreme, Hunderttausende junger Menschen kämpfen für die Natur und Nachhaltigkeit. Wir haben gelernt!
 
Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben Sie achtsam.
 
 
 
Von der Seele reden
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