Von der Seele reden


Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


Angst und Feigheit

Es gibt Begriffe, die wie ein Emblem für eine Epoche stehen. Der Begriff unserer Jetztzeit lautet Angst, lese ich auf einer Schweizer Politikseite im Internet. (www.republik.ch) „Angst droht immer die Demokratie zu destabilisieren, weil Demokratie von uns allen verlangt, unseren Narzissmus einzuschränken und Gegenseitigkeit zu akzeptieren,“ schreibt die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum. „Ebenfalls verbreitet – und ein bedrohliches Problem für die heutige Demokratie – ist der Zorn. Er ist besonders deshalb eine Bedrohung für das Zusammenleben, weil viele Dinge auf dieser Erde schiefgehen können, ohne dass jemand dafür verantwortlich wäre. Die menschliche Psyche hat Schwierigkeiten, das zu akzeptieren. Sie stützt sich intuitiv auf die «Gerechte-Welt-Hypothese», auf die Theorie, dass ohne böswillige Fremdeinwirkung alles gut wäre auf dieser Welt.“ So entstehen nicht zuletzt Verschwörungstheorien. „Um sinnvoll zusammenleben zu können, sagt Nussbaum, würden wir die Angst brauchen – aber nur in gesunden Dosen. Für ein Gemeinwesen, das von ihr beherrscht wird, ist sie eine vernichtende Bedrohung.“

In einer solchen Situation befinden wir uns gerade, meine ich. Niemand ist persönlich verantwortlich für die Pandemie. Aber alle haben Angst, Verantwortung in der öffentlichen Meinung aufgeladen zu bekommen. Der Journalist Detlef Esslinger schreibt in der Süddeutschen Zeitung: „Hauptberufliche Politiker gibt es, die, damit sie einen komplizierten Sachverhalt professionell durchdringen, eine Position entwickeln und hernach in verständlichen Worten erklären und werben. In der Asyl- und Migrationsdebatte dieser Tage, aber auch in Fragen des Kampfes gegen die Pandemie, ist erneut der Typus Politiker zu beobachten, der sich um diesen Kern seines Jobs drückt. Stattdessen entwickelt er seine Position aus Herumhören sowie Umfragen. Sein Angebot richtet er allein nach der vermuteten Nachfrage aus. Statt für ihre Überzeugungen zu werben, richten sich diese Politiker nach der vermuteten Stimmung im Volk. Das simuliert Tatkraft – reicht aber dauerhaft nicht.“ Die Angst vor dem eigenen Volk ist ein schlechter Ratgeber und führt zu ängstlichem Verhalten, das Ursache für Fehler ist, wie die Nachlässigkeiten beim Beschaffen von Impfstoffen und Masken. Solange es Politiker/innen vor allem darum geht, ihre Jobs und ihren Einfluss zu behalten und nicht darum, im Nachhinein, vielleicht sogar in den Geschichtsbüchern positiv Erwähnung zu finden als jemand, der auch gegen die öffentliche Meinung genau das Richtige getan hat, werden wir auch keine „historischen Persönlichkeiten“ mehr erleben. Politik ist eine Berufung, kein Beruf. Lassen wir uns alle nicht von der Angst beherrschen.

Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben Sie achtsam.


Die Sendung zum Nachhören:


 
 

Von der Seele reden
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