Von der Seele reden


Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


Was hat uns die Bibel heute noch zu sagen?
 
Was hat uns dieser alte, zum Teil grausame und widersprüchliche Text heute noch zu sagen? Einseitige Auslegungen der Bibel durch Prediger und Politiker dienten allzu oft der Legitimation von Gewalt, Rassismus, Antisemitismus, Frauenfeindlichkeit und Homophobie. Was also bleibt von der „Heiligen Schrift“? Dieser Frage stellt sich nicht nur der US-amerikanische Franziskaner-Pater und Autor Richard Rohr.

In der heutigen Zeit haben Glaube und Spiritualität einen schweren Stand; oft werden sie mit Fanatismus und Gewalt verbunden. Man muss nicht religiös sein, um das kapitalistische Wirtschaftssystem verändern zu wollen. Veränderungen können selbstverständlich von anderen Überzeugungen und Lebenshaltungen getragen werden. Das „Immer Mehr“ kommt an seine Grenzen. Konsum ist die Spiritualität unserer Zeit, aber sie hat keine Zukunft, sie birgt weder eine materielle noch eine seelische Nachhaltigkeit. Es gibt offensichtlich einen Widerspruch zu den Werten, welche wir um Umgang miteinander präferieren und denjenigen, welche die kapitalistische Produktionsweise hervorbringt. Vertrauensbildung, Kooperation und Teilen stehen Egoismus, Konkurrenz und Gier entgegen. So ist der Begriff der „Sünde“ in unserer Gesellschaft nicht mehr gegenwärtig, er taucht höchstens noch in Verbindung mit der Umweltsünde auf. Allerdings hat sich gerade hier ein Zusammenhang erhalten. Ganz offensichtlich erkennen die Menschen im Verstoß gegen die Umwelt eine moralische Dimension, die auf etwas Endgültiges verweist, auf Gott und seine Schöpfung, mit welcher man bitte ehrfurchtsvoll umgehen soll. Ohne den Begriff der Schöpfung wäre die Ökologiebewegung wahrscheinlich nicht entstanden.

Die Schöpfung ist der Ausgangspunkt einer Erzählung, die jenseits politischer Theorien die Menschen vereint. Auch die Würde des Menschen, die in der heutigen Zeit von der Sozialhilfe bis zum Asylrecht reicht, wurzelt in der Bibel. „Gott schuf also den Menschen nach seinem Abbild, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie.“ (Gen. 1, 27). Von dem Gedanken, dass in jedem von uns ein Stück von Gott steckt, führt ein (beinahe) direkter Weg zu Artikel 1 unseres heutigen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Die Bibel als große Erzählung bietet so die theoretische Quelle weiterer, neuer aktueller Erzählungen. Es geht um die Tradition der Umkehr und die Befreiung aus ungerechten Verhältnissen. Ebenso geht es um die Macht des Geldes, um Gerechtigkeit, Liebe, aber auch um Verzicht. Die Geschichten der Bibel fordern eine Haltung gegenüber den Menschen ohne Herablassung, im Vertrauen darauf, dass diese selbst wissen, was für sie das Beste ist. Sie wendet sich gegen Diskriminierung und Ausschluss; Demut spielt eine Rolle ebenso wie die Balance zwischen Aktion und Erholung. Die Umkehr bedeutet heute, dass alle sich von Gott auf einen verwandelbaren Weg rufen lassen und sich den das Leben zerstörenden Kräften in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik prophetisch entgegenstellen.

Die Bibel ist gleichsam die Erfindung des Formats der Erzählung selbst und so ein Schatz von ethischen Handlungsanleitungen. Es führt ein Weg von ihr zur „grünen Theologie“ der Gegenwart und zum Hoffnungsdenken eines Martin Luther King.

Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben Sie achtsam.


Die Sendung zum Nachhören:


 
 

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