Von der Seele reden


Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


Sind die Gedanken noch frei?
 
George Orwell und Philip Dick sagten vor mehr als einem halben Jahrhundert in ihren Büchern „1984“ und „Minority Report“ Gedankenlesemaschinen und eine Gedankenpolizei voraus. Den großen digitalen Bruder, der unsere Wünsche und Wege verfolgt und auswertet, den gibt es schon. An Google, Amazon und Facebook haben sich zu viele von uns auch gewöhnt. Die Chinesen sind dabei, die digitale Diktatur einzuführen, in dem sie alle Handlungen ihrer Bürgerinnen verfolgen und mit Punkten belohnen bzw. mit Punktabzügen bestrafen. Hat man einen bestimmten niedrigen Punktestand erreicht, bekommt man keine Wohnung mehr, darf nicht mehr reisen und vieles mehr.

In den USA gibt es bereits Firmen, die mit ihren sogenannten Neuro-Lügendetektoren bereits Geld verdienen. Kaum eine Wissenschaft verbreitet so viele Hoffnungen und Wunschvorstellungen wie die Neurowissenschaft, die sich mit der Funktionsweise des Zentralnervensystems und des Gehirns beschäftigt. Zwar erzeugen einzelne Gedanken offenbar ein Muster, das so charakteristisch ist wie ein Fingerabdruck. Aber unser Gehirn arbeitet sehr komplex, jede einzelne Nervenzelle ist mit tausenden von anderen Neuronen vernetzt, jeder Impuls führt zu Kettenreaktionen und Wechselwirkungen im Gehirn. Das Lesen von Gedanken mit Hilfe der Magnetresonanztomographie oder mit anderen Techniken ist auch heute noch reine Glaubenssache. Möge es so bleiben.

Ein weiterer Aspekt aber ist in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit wir durch digitale Mediennutzung soweit manipuliert werden, dass unsere Entscheidungen gar nicht mehr von unserem Verstand richtig, also objektiv, verarbeitet werden können. Früher fügten Menschen ihren Aussagen häufig hinzu: „Das stand in der Zeitung.“ Damit war noch nie garantiert, dass alles, was in der Zeitung stand oder im TV gesendet wurde, richtig war. Und doch waren und sind Journalisten angehalten, intensiv zu recherchieren. Jetzt aber ist jede und jeder sein eigener Programmdirektor und darf so gut wie alles in den sozialen Medien und im Netz überhaupt verbreiten. Was leider auch passiert. Jetzt zeichnen sich die systemischen Grenzen eines explosionshaft wachsenden Kommunikationssystems ab, das zunehmend Stimmungen, Meinungen, Gefühle, Intentionen vermischt, ohne dafür neue Kulturtechniken, wie Lesen und Schreiben, zu entwickeln. Der Medienkonsument wie auch der Unternehmer und die Unternehmerin müssen heute über eine Medienkompetenz verfügen, die ich in einem neuen Fachbuch gerade „Media Thinking“ genannt habe. Die Medien neu, in ihrer Vielfalt und in ihrem völlig veränderten Wirkungspotenzialen kennen und analysieren können. Diese Kompetenz ist heute in vielen unternehmerischen, aber auch gesellschaftlichen Bereichen dringend vonnöten, aber nicht vorhanden. Erst wenn es uns gelingt, an immer wiederkehrenden Mustern und Schablonen zu erkennen, wann eine Meldung manipuliert ist, werden wir auch wieder frei Gedanken bilden und äußern können.

Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben Sie achtsam.


Die Sendung zum Nachhören:


 
 

Von der Seele reden
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