Von der Seele reden


Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


Leistung lohnt sich für zu Viele nicht mehr in Deutschland

Laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) werden in Deutschland pro Jahr zwischen 250 und 400 Milliarden € vererbt. Die Größenordnung ist deshalb nicht genau bestimmbar, weil die steuerfreien Erbschaften nicht miterfasst werden. Steuerpflichtig wurden in 2019 nur 39 Milliarden € erfasst. Bei Eheleuten bleibt eine halbe Million steuerfrei, bei Kindern sind es 400.000 €. Unternehmen können eine 85-prozentige Verschonung von der Erbschaftssteuer beantragen, wenn sie sich verpflichten, die Lohnsumme des Betriebes in den folgenden fünf Jahren weitgehend konstant zu halten.

Und so kommt es, dass zwei Drittel der privaten Vermögen in Deutschland in der Hand von zehn Prozent der Bevölkerung sind. Zwanzig bis dreißig Prozent der Bevölkerung haben weder Vermögen noch Alterssicherung. Bundeskanzler Adenauer hatte der jungen Republik mit auf den Weg gegeben, dass gerade der Besitzlose durch Sparen, Selbsthilfe und öffentliche Förderung zu Eigentum gelangen sollte. In den Jahren 2009 bis 2017 hat sich der Wert der Immobilen in deutschen Metropolen verdoppelt. Selbst eine gutverdienende Familie mit 3.000 € Nettoeinkommen kann nicht so viel Geld im Monat zurücklegen, dass irgendwann das erforderliche Eigenkapital für eine Immobilie zusammenkommt.

Der britische Ökonom Thomas Piketty fordert deshalb eine Erbschaft für alle. Er fordert, jungen Erwachsenen zum 25. Geburtstag eine staatliche Investitionssumme zur Verfügung zu stellen, die 60 % des Durchschnittsvermögens pro Jahr entspricht. In Deutschland wären das 140.000 €. Bei seinem Urteil zur Erbschaftssteuerreform 2014 des Bundesverfassungsgerichts haben drei der acht Richter dem Urteil eine Sonderbemerkung hinzugefügt, die da lautet: „Die Erbschaftssteuer sei nicht nur eine staatliche Einnahmequelle, sondern zugleich ein Instrument des Sozialstaats, um zu verhindern, dass Reichtum in der Folge der Generationen sich in den Händen weniger sammelt und allein aufgrund von Herkunft unverhältnismäßig anwächst.“ Dieses wichtige Ziel für Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft wurde verfehlt, die Folge Unzufriedenheit in weiten Teilen der Bevölkerung und ein Verlust an gesellschaftlicher Identität. Wer es langfristig darauf ankommen lassen will, muss die Folgen aushalten wollen. Möge die nächste Bundesregierung weitsichtiger sein. Die Chancen dafür stehen allerdings schlecht.

Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben Sie achtsam.


 
 

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