Von der Seele reden


 
Von der Seele reden – der Kommentar von Prof. Dr. Klaus-Dieter Müller, Politik- und Medienwissenschaftler und Vorstand der „Stiftung: Christliche Werte leben“.
 
Montag, Mittwoch und Freitag, um 10:45 Uhr und 20:45 Uhr. Mehr Infos zur Stiftung auf www.christlichewerteleben.de


 
Sind wir auf dem Weg in die Sprachlosigkeit?
 
20.000 Wörter soll es brauchen, um alles Deutsche zu verstehen. Jetzt liegt das Mehr im Wenig. WhatsApp kennt den Satzbau nicht, Emoticons sollen die Mimik ersetzen, Comicsprache Gefühle beschreiben: „seufz“, „augenverdreh“. Hat das veränderte Umgangssprachverhalten Auswirkungen auf andere Bereiche? Mir sind von sehr begabten jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in den letzten Jahren Dissertationen vorgelegt worden, also Arbeiten zur Erlangung des Doktorgrades, deren Sprache so rudimentär war, dass sie mehrfach überarbeitet werden mussten. Um sich im täglichen Allerlei zurecht zu finden und Verabredungen zu treffen, mögen Zurufe ohne Satzbau und Sprachvielfalt genügen, für wissenschaftliche Texte, aber auch für Geschichten und Visionen, die Menschen begeistern und mitreißen sollen, braucht es sprachliche Virtuosität, um Spannungsbögen zu erzeugen, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und Vergleichbarkeit von Texten herzustellen.
 
Die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Kommunikation von Kindern und Jugendlichen beurteilen Linguisten zwiespältig. Sicher werden auch die Fachleute durch die Beispiele geprägt, die sie selbst am häufigsten erfahren. Ich habe in meiner Umgebung Kinder, die fast ausschließlich ihre Zeit im Netz verbringen und andere, die nur zu bestimmten Inhalten im Netz Zugang gewährt bekommen. Das Sprachverhalten, aber auch die Fähigkeit zuzuhören, bilden sich bei beiden Gruppen sehr unterschiedlich aus.
Ich bin weit davon entfernt, „das Ende der Gutenberg-Galaxis“ zu beschwören und freue mich darüber, dass unserer Kommunikation heute mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, möchte aber ein leidenschaftliches Plädoyer für das Lesen halten. Sprachliche Virtuosität kann man nur durch ständiges Lesen erlernen. Bitte das eine tun, ohne das andere zu lassen.
 
Ich wünsche Ihnen einen glücklichen Tag, aber bleiben sie achtsam.
 


 
 

Von der Seele reden
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