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Von der Schwierigkeit vegan zu leben

„Ich bin jetzt Veganer!“ Das behaupten laut dem IfD Allensbach nicht weniger als 840.000 Deutsche von sich – ein Trend, auf dem immer mehr Umweltschutz- und Gesundheitsbewusste aufspringen. Laut eigenen Angaben verzichten diese vollständig oder zumindest weitgehend auf tierische Produkte. Letzteres dürfte in vielen Fällen wohl eher zutreffen, denn ein veganer Lebensstil erfordert eben etwas mehr als „nur“ Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte wegzulassen. Für den Titel „Überzeugter Veganer“ muss man sich richtig ins Zeug legen.

Das beginnt schon mit dem Verkraften der bitteren Erkenntnis, in wie vielen Lebensmitteln tierische Zutaten versteckt sind. Das Multitalent Gelatine ist als Bindesubstanz in Marshmallows, als Klärstoff in Bieren und Weinen oder als Verdickungsmittel in vielen Frischkäsesorten noch relativ einfach zu identifizieren. Doch hätten Sie geahnt, dass vielleicht auch Ihr Frühstücks-Fruchtsaft das Extrakt aus ausgekochten Knochen, Scharten, Haut, Sehnen und Bändern beinhaltet? Selbst Bananen, wenn nicht gerade Bio, werden mit einem Pestizid aus dem Chitin von Garnelen und Insekten besprüht und sind damit faktisch nicht vegan. Und das ist nur die Spitze des Eisberg(salat)s.

 

Ethisches Minenfeld
Die neuesten Horrorbilder auf Tabakpackungen konnten Sie bisher nicht abschrecken? Vielleicht konvertieren Sie ja augenblicklich zur Nikotin-Abstinenz, wenn wir Ihnen mitteilen, dass für Zigarettenfilter in einigen Fällen Hämoglobin verwendet wird. Richtig gelesen – bei der wohlverdienten Kippe in der Mittagspause haben unsere Lippen nicht zuerst Kontakt mit dem gesundheitsschädlichen Teer, sondern mit dem Eiweißstoff aus Schweinblut! Viele Auto- und Gummireifen enthalten Stearinsäure, die aus tierischen Fetten gewonnen wird. Herkömmliche Klebstoffe werden wiederum unter Verwendung des Milchproteins Kasein hergestellt. Davon sind sowohl die Etiketten auf Ihren Lieblings-Softdrinks als auch die auffällig glänzenden Werbeaufkleber vom Friseurgeschäft um die Ecke betroffen.

Der Markt hat den Veganismus-Trend schon längst erkannt. Hersteller wie Saxoprint bedrucken etwa vegane Aufkleber aus mineralischen und pflanzlichen Materialien, und die Zahnpasta mit dem optimistischen Namen „happybrush SuperMint“ kommt ohne Knochenmehl oder Tierversuche aus. Als ebenso kurios wie die Liste an Produkten mit versteckten tierischen Inhaltsstoffen entpuppt sich zuweilen auch die Auswahl an kreativen Alternativen, wie etwa beim Thema „vegane Kleidung“ (für manche sicher eine gewöhnungsbedürftige Wortkombination): Hier wird anstatt auf Pelz, Seide, Schafswolle, Daunen und Leder auf exotisch anmutende Pflanzenstoffe zurückgegriffen. Aus den Reihen von Hanf-Hosen, Eukalyptus-Edelgürteln und Pilzfaser-Portmonees stechen insbesondere die Ananasblatt-Aktentaschen von Piñatex hervor.

 

Ganz ohne Tierprodukte – nicht machbar!
Vegane Ausweichmöglichkeiten gibt es also viele, nur ist es nicht gerade ein Kinderspiel, sie in der Masse aus versehentlich oder bewusst fälschlich als solche bezeichneten Produkten ausfindig zu machen. Einer konsequenten Umsetzung muss deshalb eine umfangreiche Recherche vorausgehen, wobei ein halbherziger Blick auf die Verpackungsrückseite höchstens bei Nahrungsmitteln (und auch dann nicht immer) ausreicht. Dutzende Gütesiegel können mit ihren ewig gleichen, grünen Blattmotiven irritierend sein, Verlass ist hauptsächlich auf das knallig gelbe V-Label der European Vegetarian Union und die „Veganblume“ der Vegan Society England. Für Klarheit bezüglich alltäglichen Gebrauchsgegenstände kommen Sie aber meist nicht um einen Anruf bei der Hersteller-Hotline herum oder müssen in einschlägigen Fleischfeind-Foren online Nachforschungen betreiben. Das gilt zum Beispiel für das eher tückische Thema „tierisches Cholesterin in LCD-Bildschirmen“, dass von einigen Experten als Gerücht abgetan wird.

Tatsächlich stützt sogar das Info-Portal vegan.eu die von vielen Nicht-Veganern aufgestellte These, dass „100% tierfrei“ in unserem modernen Leben ein Ding der Unmöglichkeit ist. Wenn Sie also das nächste Mal mit einem bekennenden Herbivoren kontrovers aneinandergeraten, beruhigt sie vielleicht der Gedanke, dass man ihm mit etwas tiefergehender Recherche zwangsläufig den einen oder anderen konzeptionellen Fauxpas vorwerfen kann. Manch anderer wird sich angesichts der Fülle an immer kreativer werdenden Tierprodukt-Alternativen aber vielleicht motiviert fühlen, einen Blick auf die andere Seite des Massenviehgeheges zu wagen.

 


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