Radio Paradiso > Mediathek > Mahler meint > Sieben Wochen ohne Lügen – vom übermäßigen Gebrauch der Wahrheit. Mahler meint am 8. April 2019
 

Sieben Wochen ohne Lügen – vom übermäßigen Gebrauch der Wahrheit. Mahler meint am 8. April 2019

160203_Mahlermeint_banner„Was ist Wahrheit?“ fragte Pilatus den Zimmermannssohn Jesus aus Nazareth bei dessen Verhandlung, die schließlich mit einem Todesurteil endete. „Wahrheit ist eine Person“ erwiderte dieser. Juristisch gesehen für die Tonne, diese Antwort. Herzlich willkommen in der vorletzten Woche der Fastenaktion „7 Wochen ohne Lügen“. Bleiben wir beim Beispiel: Es gibt die absolute Wahrheit nicht. Jesus war nicht König der Juden, wie ihm die Anklage vorwarf. Im politischen Sinne. Jesus war zumindest für die neu entstehende Jesus-Bewegung, aus der später die Kirche hervorging, König der Juden im geistlichen Sinne. Auf der Meta-Ebene war seine Antwort korrekt – auf der realen Ebene nicht. Allerdings ist hier – wie in vielen anderen Fällen die absolute, die objektive Wahrheit nicht zu verifizieren. Nur eine subjektive – aber mit der kann kein Gericht der Welt etwas anfangen. In diesen Tagen findet eine Diskussion statt über die Früherkennung von Down-Syndrom Kindern. Sie können mit einem einfachen Bluttest – Kostenpunkt 130 Euro – identifiziert werden, früh genug, um eine unproblematische Abtreibung durchzuführen. Die Kassen sollen diese Kosten übernehmen, um es den Müttern so leicht wie möglich zu machen. Der gesellschaftliche Druck, der dadurch aufgebaut wird, ist immens. Mütter, die sich dafür entscheiden, ihr behindertes Kind auszutragen oder den Test gleich gar nicht machen zu lassen, werden schlicht für verrückt erklärt. Fakt ist: schon jetzt werden 90% der Kinder mit Trisomie 21 abgetrieben. Was ist Wahrheit? hatten wir gefragt. Ich will es gar nicht wissen, sagt meine Tochter. In den nächsten Tagen entbindet sie ihr viertes Kind. Anna, ihr erstes Mädchen, hat das Down Syndrom. Bei keinem der nachfolgenden Töchter hat sie einen Test machen lassen. „Was hätte das geändert?“ fragt sie. Gestern hörte ich im Radio ein interessantes Interview mit einem Medizinethiker. „Es gibt das Recht auf Nichtwissen“, sagte er im Zusammenhang mit der Früherkennung. Von diesem Recht, die Wahrheit nicht zu erfahren, macht meine Tochter Gebrauch. Anna, meine Enkelin, 6 Jahre alt, nicht. Ich frage sie, was da in Mamas Bauch ist. „Rudi“ flüstert mir Anna ins Ohr und lächelt verschmitzt und glücklich. Egal, wie Rudi sein wird und ob er nicht doch Renate heißen wird – er oder sie wird zur Welt kommen. Wie Anna auch.

Tags: , , ,

Sieben Wochen ohne Lügen – vom übermäßigen Gebrauch der Wahrheit. Mahler meint am 8. April 2019 bewerten:
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (Noch keine Bewertungen)
Loading...