Selbstmordgedanken: Verbreitet, aber behandelbar

Gedanken, Impulse oder Phantasien, die sich mit dem eigenen Tod beschäftigen, sind unter Menschen extrem verbreitet. Auch die Idee, sich selbst das Leben zu nehmen, ist ein verbreitetes Phänomen – die Hauptursache sind dabei Depressionen. In diesem Artikel betrachten wir zuerst die Häufigkeit und Gründe für das Auftreten entsprechender Gedanken und wenden uns dann Fragen der Prävention und Therapie zu.
 
Psychische Erkrankungen, in deren Folge Selbsttötungsideen auftreten, sind heutzutage gut behandelbar: Je besser Menschen sich über das Thema informieren und je offener sie über diese Gedanken sprechen können, desto größer die Chancen, wieder eine positive Grundhaltung gegenüber dem eigenen Leben zu entwickeln.
 
Statistische Hintergründe
 
Selbsttötung ist eine der verbreitetsten Todesursachen der Welt. Nach einem Report der WHO nahmen sich im Jahr 2012 etwa 804.000 Menschen das Leben. In Deutschland starben 2018 9400 Menschen durch Suizid. Unter Menschen zwischen 15 und 29 war dies nach Verkehrsunfällen sogar die zweithäufigste Todesursache. Männer waren wesentlich häufiger betroffen: Etwa drei Viertel aller Suizide werden von ihnen begangen.
 
Dabei bedeutet das Vorhandensein von Suizidgedanken nicht zwingend, dass diese auch irgendwann ausgeführt werden. Eine WHO-Studie in 21 Ländern aus den Jahren 2009 und 2010 zeigte, dass im Verlauf von 12 Monaten etwa 2% der untersuchten Bevölkerung an Selbstmord denken. Die Lebenszeitprävalenz, d.h. der Bevölkerungsanteil in dem irgendwann im gesamten Verlauf des Lebens dieses Symptom aufritt, betrug sogar 9% (angst-verstehen.de). Daraus kann man ablesen, dass die allermeisten Menschen, die den Wunsch verspüren, den eigenen Tod herbeizuführen, diesen nicht umsetzen.
 
Außerdem sind die Suizidraten in den meisten Staaten der Erde im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich gesunken. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Neben einer größeren sozialen Absicherung, besseren Bildungs- und Lebensstandards sind auch Fortschritte in der Medizin entscheidend. So haben sich die öffentliche Wahrnehmung psychischer Erkrankungen verbessert, Stigmata wurden abgebaut und Betroffene sind häufiger in der Lage, sich Hilfe zu suchen. Darüber hinaus wurden deutliche Verbesserung in den therapeutischen Standards und in der Verfügbarkeit wirksamer Medikamente gegen Depressionen erreicht worden. Und eines der effektivsten Mittel zur Senkung der Suizidrate unter homosexuellen Menschen war nachweislich der gesetzliche Abbau von Diskriminierung inklusive der Möglichkeit zur Eheschließung. Dies zeigt, dass Selbstmord auch ein gesellschaftliches Problem ist, welches mit Mitteln außerhalb der Medizin zu bearbeiten ist.
 
Ursachen für Selbstmordgedanken
 
Suizidalität selbst ist keine Erkrankung, sondern immer ein Symptom einer anderen psychischen Störung. Meist werden Selbsttötungsideen durch Depressionen ausgelöst bzw. stellen einen depressiven Teilaspekt einer Vielzahl anderer seelischer Krankheiten dar. So finden sich in zahlreichen von Suchtproblemen geprägten Lebensläufen auch häufig Suizidversuche bzw. Suizidgedanken. Auch Schizophrenien mit ihrem immensen Leidensdruck für die Betroffenen können dazu führen, dass der Tod als einzig übriger Ausweg immer verlockender scheint. Darüber hinaus sind auch Persönlichkeitsstörungen, insbesondere die emotional-instabile Persönlichkeit (auch als Borderline-Persönlichkeitsstörung bezeichnet) häufig von selbstzerstörerischen Impulsen geprägt, die bis in den Selbstmord münden können.
 
Weiterhin können auch etliche Lebenskrisen Selbstmordgedanken auslösen, psychiatrisch spricht man man hier von Anpassungsstörung. Extrem belastende oder traumatisierende Erfahrungen wie Trennungen, Scheidungen, der Tod von Angehörigen, schwere Unfälle, Mobbingerlebnisse, Arbeitslosigkeit, militärische Erfahrungen: All diese Situationen können eine so intensive Belastung entstehen lassen, dass Menschen keinen anderen Ausweg als den Suizid zu sehen glauben.
 
Dabei ist Suizidalität stets ein Ausdruck enormer Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit: Zukunftsängste, der Eindruck, den Verstand zu verlieren und nie wieder in einem sozialen oder beruflichen Kontext erfolgreich “funktionieren” zu können, führen dazu, dass Betroffene sich nach einem Ende des Leides sehnen. Dieses finden sie gedanklich aber nicht in einer medizinischen Behandlung ihrer Erkrankung, sondern in einer endgültigen, als finale Lösung erscheinenden, Handlung, nämlich der Herbeiführung des eigenen Todes. Gleichzeitig gibt es im Menschen immer auch starke Impulse, die sich einem Todeswunsch entgegenstellen: Angst vor Schmerzen, Selbsterhaltungstrieb und Unsicherheit in Bezug auf Erfolg und Folgen einer Selbsttötung sorgen dafür, dass Suizidgedanken stets mit großer Ambivalenz wahrgenommen werden. Bei intensiver Suizidalität werden diese ohne Hilfe unauflösbaren Gedankenspiralen zu einem Symptom, das wiederum selbst einen enormen Leidensdruck und innere Erstarrung auslösen kann.
 
Ausdrücklich nicht betrachtet werden an dieser Stelle sogenannte “Bilanzsuizide”, deren Existenz in der Wissenschaft stark umstritten sind. Während einige Forscher annehmen, dass angesichts eines als erfolglos und wertlos angesehenen Lebens Menschen auch ohne depressive Störung zu dem Entschluss kommen können, ihr Leben beenden zu wollen, sagen andere, dass gerade dieser Wunsch Ausdruck einer im Kern von Depression geprägten Erkrankung sind. Weiterhin ist der Sterbewunsch unheilbar körperlich kranker Menschen von psychiatrischer Suizidalität zu trennen, da bei diesen Patienten auch in objektiver Betrachtung eine Situation mit hohem Leidensdruck und ohne Hoffnung auf Besserung anzutreffen ist.
 
Maßnahmen bei akuter Suizidalität
 
Eine der größten Ängste von Betroffenen, die sich aufgrund von Selbstmordgedanken Hilfe wünschen, ist die Einweisung in eine Psychiatrie. Auch heute sind noch viele Vorurteile und Stigmata mit einer klinischen Behandlung verbunden. Doch die Zustände in psychiatrischen Kliniken haben sich in den letzten Jahrzehnten drastisch verändert, die Patientenrechte wurden gestärkt und Fortschritte in den Behandlungsmethoden machen den Aufenthalt wesentlich erträglicher.
 
Zumindest ist das Risiko nicht zu leugnen: Wer akut selbstmordgefährdet ist und wem keine Absprachefähigkeit mehr zugetraut wird, der kann und sollte in Deutschland und anderen deutschsprachigen Ländern auch gegen seinen Willen in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht werden. Dies ist auf keinen Fall eine angenehme Erfahrung, viele Betroffene fühlen sich eingesperrt, abgewertet, von den Behandlern von oben herab angesprochen und mitunter sogar zur Einnahme von Medikamenten gezwungen. In diesem Fall überwiegt der Schutz des Lebens des Patienten dessen Freiheitsrechte. Man kann auch davon ausgehen, dass durch diese Maßnahme das soziale Umfeld des Betroffenen geschützt wird, da ein Suizid oftmals unüberschaubare Folgen für die Hinterbliebenen haben kann und diese oftmals ebenfalls in seelische Krisen stürzt. Üblicherweise erfolgen diese Schritte aufgrund des Psychisch-Kranken-Gesetzes und erfordern neben dem ärztlichen Gutachten über die fehlende Krankheitseinsicht und akute Gefährdung auch eine richterliche Anordnung.
 

Andererseits muss gesagt werden, dass die Betroffenen es in der Hand haben, solche unangenehmen Maßnahmen zu umgehen, indem sie frühzeitig Hilfe suchen. Inhalte der Therapie von Depressiven mit Suizidversuchen oder starken Suizidgedanken umfassen auch das Trainieren von Hilfeplänen, in welchen Frühwarnzeichen der Verschlechterung der Stimmung genutzt werden, um unterstützende Ressourcen zu aktivieren, ehe es zu einer Einweisung oder sogar einer suizidalen Tat kommt. Und auch wer keine Erfahrung mit derartigen Angeboten hat, kann zumindest dadurch eine Zwangsbehandlung umgehen, indem er seine Absprachefähigkeit demonstriert: Wer einem Arzt glaubhaft versichern kann, dass er trotz Suizidgedanken zuerst einen Notruf absetzt und seine Selbsttötungsideen nicht in konkrete Handlungen umsetzt, ist nicht so stark gefährdet, dass er zwangsweise in eine Klinik gehen muss.
 
Die andere Alternative wäre eine freiwillige stationäre Krisenintervention, die in der Regel in psychiatrischen Krankenhäusern auf Stationen durchgeführt wird, die die Bewegungsfreiheit des Patienten nicht stark einschränken. Diese offenen Behandlungskonzepte, eventuell auch teilstationär, d.h. tagsüber in der Klinik und nachts daheim, geben selbstverantwortlichen Betroffenen die Möglichkeit, Hilfe zu erhalten, ohne dass sie Opfer von Zwangsmaßnamen werden. Ein weiterer Vorteil ist der Umstand, dass freiwillige Therapien natürlich eine wesentlich höhere Erfolgschance haben.
 
Behandlung von Suizidgedanken
 
Wie schon im vorherigen Punkt angedeutet, steht bei Suizidgedanken und Suizidalität die Sicherheit des Patienten an erster Stelle. Aus diesem Grund muss gewährleistet werden, dass bei therapeutischen Maßnahmen keine Verschlimmerung des Drangs, sich das Leben zu nehmen, eintritt. Dies ist jedoch leichter gesagt als getan: In Psychotherapien werden Betroffene oft mit unangenehmen Gedanken, Gefühlen und Erfahrungen konfrontiert, deren Bearbeitung die Stimmung durchaus verschlechtern und gerade impulsives Verhalten fördern können. Eine solche Behandlung kann also erst begonnen werden, wenn anzunehmen ist, dass der Patient auch bei Symptomverschlimmerung immer noch absprachefähig ist.
 
Um das zu gewährleisten, werden neben antidepressiven Medikamenten auch oftmals dämpfende Mittel verschrieben, die helfen, suizidale Impulsivität zu verhindern, die allgemeine Schlafqualität verbessern und die Intensität negativer Emotionen abmildern helfen. Gleichzeitig ist dies keine ursächliche Therapie, sondern dient dazu, Therapiefähigkeit herzustellen. Auch Antidepressiva allein können zwar depressive Symptome verbessern, Suizidalität verringern und die allgemeine Stimmung in eine positive Richtung wenden, sie beseitigen aber die eigentliche Ursache der Erkrankung nicht. Aus diesem Grund wird allgemein dazu geraten, eine medikamentöse Behandlung mit Psychotherapie zu kombinieren. Obacht ist bei zahlreichen antidepressiven Medikamenten geboten, zu deren Nebenwirkungen ausgerechnet das gehäufte Auftreten von Suizidgedanken in der ersten Zeit nach Behandlungsbeginn sind. Diese Mittel dürfen bei selbstmordgefährdeten Menschen daher nur unter strenger Kontrolle eingesetzt werden.
 
Wenn die Ursache der Suizidgedanken in einer Suchtstörung oder Schizophrenie begründet liegt, sind natürlich spezifische Therapien notwendig, die helfen, diese besser zu bewältigen. Im Folgenden wird aber davon ausgegangen, dass es um die Behandlung depressiver Symptome geht, zu denen Selbstmordgedanken im weitesten Sinne jederzeit zu zählen sind.
 
Je nach therapeutischer Schule werden dabei unterschiedliche Erkrankungsmodelle zugrundegelegt und verschiedene Verfahren angewendet, um dem Patienten zu helfen, die Depression zu überwinden. Die Psychoanalyse beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit und frühen Entwicklungsphasen des Betroffenen und hilft ihm dadurch, Einsicht in Ursachen seiner Erkrankung zu gewinnen, die er letztlich nutzen kann, um diese abzulegen. Ähnlich geht die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie vor: Hier stehen Beziehungsmuster und unbewusste psychische Vorgänge im Mittelpunkt, die konfliktbehaftet sind und deren Aufdeckung wiederum hilft, sich von der in der Vergangenheit angesammelten Last zu befreien. Die Verhaltenstherapie dagegen löst sich von Vergangenheitsbetrachtungen und legt einen starken Fokus auf Beobachtung und Achtsamkeit im Hier und Jetzt. Der Betroffene erlernt und übt Techniken, die ihm helfen, negative Reize zu bewältigen und unerwünschtes Verhalten abzulegen.
 
Die Auswahl einer geeigneten Therapieform ist dabei eine Kunst, die von der persönlichen Neigung des Patienten, verfügbaren therapeutischen Einrichtungen im Umfeld und auch den Ursachen der Erkrankung abhängt. Oftmals spielt auch die persönliche Chemie zwischen Therapeut und Betroffenem eine nicht zu vernachlässigende Rolle.
 
Allen diesen Therapieformen ist gemein, dass der Patient erlernt, seine der Erkrankung gegenüber ohnmächtige Haltung aufzugeben und sich selbst zu ermächtigen, wieder ein freies Leben zu führen. Dies gelingt durch Aufklärung über Symptome und Ursachen, das Erstellen von Hilfs- und Notfallplänen und nicht zuletzt auch die grundlegend zugewandte Haltung des Therapeuten.
 
Suizidprävention
 
Wer den Artikel bis hierher durchgelesen hat, sollte sehen: Suizidgedanken sind sehr häufig, man ist damit nicht allein. Es gibt zahlreiche Situationen und Erkrankungen, die als Auslöser bekannt sind. Gleichzeitig gibt es wirksame Methoden zur Behandlung und zur Gewährleistung der Sicherheit Betroffener.
 
Die Aufklärung der breiten Bevölkerung über die Entstehung, Häufigkeit und Therapie von Depressionen und Selbstmordgedanken trägt einen wichtigen Teil dazu bei, dass Menschen in diesen Krisen Hilfe finden können. Ebenfalls wichtig ist, über potentielle Anlaufstellen zu informieren, die auch teilweise über anonyme Angebote verfügen, bei denen man über Sorgen, Ängste oder auch konkrete Selbstmordabsichten sprechen kann.
 
Telefonseelsorge Deutschland: 0800-111-0-111 oder 0800 1110222 (Sorgen teilen. Anonym. Täglich. Rund um die Uhr.) https://online.telefonseelsorge.de/
 
Kinder- und Jugend-Telefon: 116 111 (Nummer gegen Kummer. Anonym.
Mo-Sa. 14-20 Uhr erreichbar.) https://www.nummergegenkummer.de/
 
Infotelefon der Deutschen Depressionshilfe: 0800 3344533
 
Telefonseelsorge Österreich: 142 (Hier hört ein Mensch zu. Zuhören. Mitgehen. Entlasten) https://www.telefonseelsorge.at/
 
Telefonseelsorge Schweiz: 143 (Die Dargebotene Hand)
 
Weitere Ansprechpartner im Krisenfall kann auch der örtliche Sozialpsychiatrische Dienst vermitteln
 
Weitere Informationen unter https://www.frnd.de/.

 

Bilder: © Black Brush / stock.adobe.com

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