Nichts interessiert einen Menschen mehr als ein Mensch.

Eigentlich wollten wir über meine letzte Predigt sprechen. Ja, sie war provokant. Ich habe Schluss gemacht mit dem Sündengefummel und der Legende, dass Gott ein Menschenopfer gebraucht hat, damit wir Zugang zu ihm bekommen. Viele in der Kirchengemeinde waren be-geistert. Einige verstört. Wir müssen reden! Klar. Ich lud ein in die schwäbische Weinstube, die unser Ess- und Wohnzimmer geworden ist. Schon oft saßen wir da und haben uns die Köpfe heißdiskutiert. Diesmal war es anders. Wir kamen gar nicht zur Predigt. Wir haben uns beim Trollinger und Grauburgunder Geschichten erzählt. Unsere Geschichten. Unser Leben, unser Leiden. L hat ein Leben lang unter repressiven Frommen gelitten. Er ist schwul, traute sicher erst spät, sich zu outen. Seitdem ist er für seine Familie ein Niemand. C hat eine lange Odyssee hinter sich. Viele Länder, so einige Konfessionen oder wie immer man dazu sagen will. Kurz: wir haben nicht über Theologie und damit Theorie geredet, sondern über uns. Nichts interessiert einen Menschen mehr als ein Mensch. Und: das meiste im Leben erklärt sich aus der Biografie. Gestern Abend habe ich wieder gemerkt, warum ich Journalist gewor-den bin. Und Pastor. Eigentlich Story-Teller und Biografie-Junkie. Ob es nun die PolitikerInnen in Berlin waren oder meine Freunde aus der Kirchengemeinde in Stuttgart – alle sind interes-sant. Was juckt mich da noch theologische Spitzfindigkeit? Das Leben ereignet sich in Lebens-geschichten. Wir haben uns verabredet – vermutlich wieder nicht, um über meine Predigten zu reden. Sondern über uns.

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