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Moralische Bankrotterklärung. Mahler meint am 7. August 2018

160203_Mahlermeint_bannerDieser Rekordsommer hat es in sich. Er knackt zwar nicht den Hitzerekord von 2003, aber in vielerlei Hinsicht ist er mehr als bemerkenswert. Die Melodie des Sommers heißt: Nach mir die Sintflut. Erstes Beispiel: übertriebene Individualität. Nicht mit Vernunft, sondern allein mit Fahrverboten ist dem Wahnsinn, der sich jeden Tag auf unseren Straßen und in den verstopften Städten abspielt, beizukommen. Oder auch nicht. Solange es uns nicht per Strafandrohung verboten wird, werden wir fröhlich weiter alleine in unseren Blechkisten sitzen und über die Staus fluchen. Und werden weiter ignorieren, dass wir nicht im Stau stehen, sondern der Stau sind. Zweites Beispiel: Kreuzfahrten erleben einen nie dagewesenen Boom. Wurde letztes Jahr im Freundeskreis noch hinter vorgehaltener Hand gestanden, auf diesen Dreckschleudern der Weltmeere im Deckchair in der Sonne zu lümmeln, steht man heute auf den After-Work Partys ganz offen zu dieser umweltverachtenden Dekadenz. Drittes Beispiel: Türkeiurlaube erleben historischen Höchststand. Vorbei ist die moralische Entrüstung über den menschenrechtsverachtenden Autokraten Erdogan. Das scheinheilige Argument: man wolle den armen Türken helfen, die ja schließlich auf die Einnahmen aus dem Tourismus angewiesen seien. Zumindest die Ehrlichkeit ist der Gewinner dieses Sommers. Erschreckend, wie unsere wahre Haltung ans heiße Sonnenlicht drängt: Flüchtlinge ja, aber nur so lange sie uns persönlich nicht behelligen. Umwelt ja, aber nur, solange sie uns den individuellen Spaß nicht raubt, Menschenrechte ja, aber nur solange wir selbst nicht auf den Schnäppchenurlaub verzichten müssen. Man kann es an den Umfragewerten der Sonntagsfrage ablesen: Die Parteien, die versucht haben, noch letzte Rechte von Grundwerten vor dem persönlichen Benefit des Einzelnen zu platzieren, haben abgewirtschaftet. Jetzt sind wir da angelangt, wo wir eigentlich immer waren: America first, Germany first, Bayern first, me first. Oder, wie Berthold Brecht es vor langer Zeit treffend ausgedrückt hat: erst kommt das Fressen und dann die Moral. Das moralische Zwischenhoch ist durchgezogen, Der Mensch ist immer noch des Menschen Wolf. Und er ist auch noch stolz darauf.

 

 

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