Man kann mit Steinen reden.

Ich habe gestern mit einem Stein geredet. Auf der 5. Und letzten Etappe unseres Pilgerweges rund um Stuttgart, auf dem sogenannten Rößleweg. 60 Kilometer sind wir insgesamt in 5 Etappen gelaufen, an 5 Sonntagen in 5 Monaten.

Gestern haben wir Steine am Weg aufgehoben. Und mit unserem Stein ein stummes Zwiegespräch geführt. Wie ist er geworden, wie sind wir geworden. Was hat ihn, was hat uns gebrochen, geschliffen, kantig oder rund werden lassen? Wer ist auf uns herumgetrampelt, hat uns weggekickt? Wer hat uns liebevoll angesehen, unsere Farben und Muster, unsere Form be-wundert und uns auf eine Wegstrecke mitgenommen? Aus welchem Fels wurden wir gebrochen und wo haben wir Heimat gefunden?

Eine Stunde dauerte das Gespräch, 3 Stunden unsere Pilgerweg-Etappe. Am Ende standen wir auf dem Birkenkopf, dem Monte Scherbelino. Der heißt so, weil er die höchste Erhebung Stuttgarts ist, aufgehäuft die Quader und Steine der im 2. Weltkrieg zerstörten Stadt. Die Sonne ging unter. Der Himmel färbte sich in den schönsten Orange- und Rottönen. Am großen Kreuz haben wir unsere Steine ablegt. Die Scherben unseres Lebens auf dem Monte Scherbelino. Im tiefen Bewusstsein, dass der, dessen Leben gebrochen wurde und der vom Tod auferstanden ist auch die Scherben unseres Lebens einmal zusammenfügen und sie einfügen wird in ein himmlisches, herrliches Mosaik.

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