Lebenswertes Leben?

Wann ist ein Leben wirklich lebenswert? Diese Frage ist objektiv eigentlich nicht zu beantwor-ten. Und sie stellt sich in der Corona-Krise mit ungeheurer Wucht. Die Formulierung „Mehr als 5.500 Menschen sind in Deutschland in Zusammenhang mit Corona verstorben“ zeigt schon das Dilemma. Hochbetagte Menschen mit Vorerkrankungen wären vermutlich früher oder später auch ohne Corona verstorben. Derzeit wird eine ethisch sehr schwierige Debatte ge-führt, in die sich jüngst auch der CDU-Grande Wolfgang Schäuble eingemischt hat. „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig”, hat Schäuble im Interview mit dem Berliner „Tagesspie-gel“ festgehalten. Schäuble weiter:

„Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar, … aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müs-sen.“ Schäubles Ausführungen sagen: Der Mensch hat das Recht auf einen würdigen Tod, wenn seine Zeit gekommen ist. Weder Mediziner noch Politiker sind Herren über den Gang des Lebens, auch nicht Beherrscher der Naturkatastrophen. All das steht für einen wie Schäuble ohnehin unter einer Art grundsätzlichem Vorbehalt: „Ich glaube, dass wir nicht aus eigener Macht heraus leben“, hat der bekennende Protestant in einem früheren Interview mal gesagt. Der Mensch ist für ihn weder die erste noch die letzte Instanz. Vielleicht ist genau das die Tragik: Der Mensch hat sich zum Maß aller Dinge gemacht, er akzeptiert keine Instanz über sich. Er hat sein Schicksal selbst in die Hand genommen. Mit der Konsequenz, dass er am Ende des Lebens ohne ein Jenseits auch ohne Trost bleibt. Ob man die Religion als billigen oder hart erkämpften Trost betrachtet – diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten.

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