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Kriegsenkel. Mahler meint am 9.4.2018

Ein wenig Wehmut beschleicht mich schon. Heute vor 41 Jahren habe ich geheiratet. Die 68iger sind 50 geworden. Martin Luther King wurde vor 50 Jahren erschossen. Unsere große Protestzeit, die mit dem Stichwort Mutlangen untrennbar verbunden ist, wird 35. Dann kam das Jahr 1988 – meine Frau und ich gerieten in Budapest ungeplant und unfreiwillig in die Gründungskundgebung der Fidesz-Partei. Und die friedliche Revolution in der DDR wird nächstes Jahr 30.
 
In allen Medien laufen große Features mit der Frage: Was ist aus Idealen den 68iger geworden? Ich merke, dass sie und somit auch ich inzwischen Teil der deutschen Nachkriegsgeschichte geworden sind. Meine Kinder, inzwischen an die 40, fragen immer noch staunend, wie es denn damals gewesen ist in der Hippie-Zeit. Sie sind immer noch fasziniert von den Klamotten, den Love-and-Peace-Parolen, den Anti-Vietnam-Demos, den Menschenketten und Sitzblockaden gegen die Atomraketen in Deutschland. Wichtig aber nur noch als Teil der Geschichte ihrer Vorfahren nach dem letzten Weltkrieg.
 
Und ich muss mich zwangsläufig fragen, ein Jahr vor dem Eintritt in den Ruhestand, was aus den Idealen geworden ist. Persönlich und weltweit. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. „We shall overcvome“ – wirklich? Der Wind hat sich gedreht. In die falsche Richtung. Ungarn, Brexit, AfD, Trump, Erdogan und Horst Seehofer als Innenminister.
 
Ich hoffe dass aus der Wehnmut nicht Schwermut wird, heute, am Tag nach der Ungarnwahl. Ich war immer stolz darauf, dass meine Großmutter Ungarin war. Bis Victor Orban kam, sah und siegte.
 
 
 

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