Kretschmann und die Rechtschreibung.

Wenn man ihn so reden hört, dann möchte man eigentlich nicht glauben, dass der überaus beliebte baden-württembergische Ministerpräident Winfried Kretschmann einmal Lehrer war und Kindern sprechen, lesen und schreiben beigebracht hat. Mit dem Sprechen fängt es ja an: Sehr bemüht und hölzern klingt der Landesvater. Jetzt hat er seine ehemaligen Kollegen und auch die versammelten Philologen gegen sich aufgebracht. Die Bedeutung der Rechtschreibung sei gesunken, da es ja inzwischen zahlreiche Korrekturprogramme gäbe. O-Ton Kretschmann: „Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt zu den großen gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört.“ Das bringt die Opposition auf die Palme und verleitet zu der Annahme, dass die Grünen die Erben der hemdsärmeligen und wenig korrekten Alt-68iger Generation sind. Und da mag ja auch was dran sein: Auf Sozialkompetenz und Konzentration auf die Kernaufgaben der Demokratie legen die ehemals Alternativen eben mehr wert als auf die Sekundärtugenden der Vertreter der deutschen Leistungsgesellschaft. Aber Vorsicht: Zuerst verschwindet die Schreibschrift, die ein Charakteristikum der schreibenden Persönlichkeit ist. Dann schreiben das Autokorrekturprogramm und die hinterlegten Satzbausteine den Brief – vom Verfasser ist maximal die Grundidee enthalten. Landkarten muss auch keiner mehr lesen können, das macht der Autopilot. Merken sie was: Die Algorithmen lösen das selbstständige Denken ab. Wenn das der vielgepriesene digitale Fortschritt ist, dann sehe ich schwarz für Bildung und Persönlichkeitsentwicklung. Wenn ein Mensch hilflos durch die Gegend stolpert, hat man ihm bestimmt sein Smartphone abgenommen. Also ich schnappe mir jetzt mein Buch und gehe eine Runde lesen.

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