In der Falle.

Mahler meint am 16.06.2015
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Letzte Nacht hatte ich einen Alptraum. Ich war mit meiner Familie auf der Flucht. Unsere vier Kinder waren noch klein. Wir waren alle am Ende, Hunger, Durst, die Kinder stolperten mehr als sie liefen, die Kleinen mussten getragen werden. In der Ferne, dort bei den Bergen war die rettende Grenze. Wenn wir es bis dorthin schaffen würden, wären wir in Sicherheit. Hinter uns schwerbewaffnete Soldaten. Wir wussten, dass sie zu allem fähig sind – zu jeder Art der Barbarei. Es würde nichts nützen, wenn ich mich vor die Kinder stellen würde oder vor meine Frau. Sie würden sie vergewaltigen und die Kinder umbringen, wobei Erschießen noch die gnädigste aller denkbaren Todesarten wäre. Wir haben es geschafft – wir stehen vor der Grenze. Aber die ist dicht. Abgeriegelt von Panzern, verbarrikadiert mit Stacheldraht. Wir blicken in die Mündungen von Maschinengewehren. Schweißgebadet wache ich auf. Und stelle fest, dass das gar kein Traum war. Es ist bittere Realität. Ich bin Iraker auf der Flucht vor den Söldnern des Islamischen Staates. Die Panzer hinter der Grenze haben türkische Hoheitszeichen aufgemalt. Das ist alles wirklich wahr. Ich sitze in der Falle. Kein Entkommen.
So geschieht es Tag für Tag an der Südgrenze der Türkei. Ein Land, das sich so verhält, ist weder ein Verbündeter der Nato. Es ist nicht Teil Europas. Und es ist ein Land, das sich zutiefst unmenschlich und unzivilisiert verhält. Heute verhandelt die EU die Quoten für die Aufnahme von Flüchtlingen. Einige Länder, darunter auch Großbritannien, lehnen eine Quotenregelung ab. Ob die Flucht auf dem Landweg über die Türkei auch verhandelt wird? Ich glaube nicht. In was für einer schrecklichen Welt wir doch leben.
 
 

In der Falle.
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