„Geschlossene Gesellschaft“ – Fotografie in Ostberlin

© flickr/ataraxis

Paraden, rote Fahnen und sozialistische Idylle? Mitnichten! Kunstvolle Fotografie war in der DDR zwar eher eine Seltenheit, doch die Bilder der Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ zeigen nun, dass der Ausbruch aus der alltäglichen Konformität vor allem in den letzten Jahren der Deutschen Demokratischen Republik auf dem Terrain der Foto-Kunst gelang.

 

Aufstehen und schreien

 

Heute ist die Fotografie eine der liebsten Freizeitbeschäftigungen der Deutschen. Gute Kameras, wie man sie beispielsweise auf Internetseiten wie discount24 findet, sind mittlerweile vergleichsweise günstig und erlauben zudem die digitale Speicherung beziehungsweise die Nachbearbeitung mit Anwendungen wie Photoshop. Zudem schreibt einem auch keiner mehr vor, welches Motiv man für seine künstlerischen Bilder wählen sollte. Das Internet ist fernerhin ein Tummelplatz für Fotografen und Fotokünstler – zu Tausenden stellen sie ihre Bilder in Foren und speziellen Internetseiten aus. Wer vor einigen Jahrzehnten im Osten der Republik wohnte, hatte es da leider noch nicht so einfach. Die Schau „Geschlossene Gesellschaft“, die in der Berliner Galerie in Kreuzberg stattfindet, erlaubt den Betrachtern einen Einblick in die Gefühlswelt der Fotografen und den ganz banalen Alltag in der DDR. Biedere Familienporträts in typischen DDR-Wohnzimmern entwickeln 23 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer plötzlich eine nie geahnte Aussagekraft. Erinnerungen übermannen den Beobachter und man fragt sich unwillkürlich, welche Geschichten die Porträtierten wohl zu erzählen hätten. Eindrucksvoll wird verdeutlich, wie mutig und innovativ, feinsinnig und banal die Fotokunst in einem Land war, in dem es kaum Vergleichsmöglichkeiten gab und Kunst zum großen Teil hinter verschlossenen Türen stattfand. Der vielleicht größte deutsche Dramatiker, Heiner Müller, ist zum Beispiel ebenfalls in der Ausstellung vertreten. Auf den Porträts wirkt er erdrückt, ernüchtert, erschöpft. Heitere Fotografien, die die Sonnenseiten des sozialistischen Alltags zeigen, gibt es selbstverständlich auch. Scheinbar mischen sich Selbstironie und Regimekritik aber wieder in die – vermeintlich naiven – Darstellungen. In einer Kinovorstellung eines russischen 3D-Films nimmt ein Mann plötzlich seine 3D-Brille ab und schreit die Leinwand an. Diese Verbildlichung des Nonkonformismus würde auch in unsere Zeit passen.

 

Der Besuch lohnt sich

 

Unterdrückte Kunst ist manchmal die beste Kunst. Zwar betätigten sich viele Menschen im Osten der Republik künstlerisch, doch die Foto-Künstler konnten in der DDR bis in die 80er Jahre hinein kaum ausstellen oder veröffentlichen. Nun ist es an der Zeit, die Schätze der Vergangenheit zu heben und einem breiten Publikum vorzustellen. 34 Künstler und 250 Arbeiten nehmen dieser Tage fast das gesamte Parterre des Museums ein. Der Besuch der Ausstellung sei an dieser Stelle wärmstens empfohlen.

 

 

 

 

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