Gegenwärtigkeit.

Eines Morgens erwachte ich, ein lebhafter Knabe von vielleicht zehn Jahren, mit einem ganz ungewöhnlich holden und tiefen Gefühl von Freude und Wohlsein, das mich wie eine innere Sonne durchstrahlte, so als sei jetzt eben, in diesem Augenblick des Erwachens aus einem guten Knabenschlaf, etwas Neues und Wunderbares geschehen, als sei meine ganze klein-große Knabenwelt in einen neuen und höheren Zustand, in ein neues Licht und Klima eingetreten, als habe das ganze schöne Leben erst jetzt, an diesem frühen Morgen, seinen vollen Wert und Sinn bekommen. Ich wusste nichts von gestern noch von morgen, ich war von einem glückhaften Heute umfangen und sanft umspült. Es tat wohl und wurde von Sinnen und Seele ohne Neugierde und ohne Rechenschaft gekostet, es durchrann mich und schmeckte herrlich.

Hermann Hesse nehme ich gerne immer wieder zur Hand, wenn ich mich erden will. Und so hat er mich an diesem trüben, kalten Herbsttag zurückgeführt in ein Sein, das ich vergessen hatte. Da sein, gegenwärtig sein. Im Augenblick. Ohne Gestern und ohne Morgen. Ich erinnere mich. Ob ich gerade 10 Jahre alt war, weiß ich nicht. Aber dieses Gefühl in mir altert nicht. Es macht sich bemerkbar und sagt mir: lass Dich umspülen von einem glückhaften Heute.

Und jetzt schaue ich wieder auf die Karte, die schon seit Wochen auf dem Esszimmertisch steht. “Nur für heute werde ich keine Angst haben. Ganz besonders werde ich keine Angst haben, mich an allem zu freuen, was schön ist – und ich werde an die Güte glauben.“

Gegenwärtigkeit.
Gegenwärtigkeit. bewerten:
1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars
6,89 von 5 Punkten, basierend auf 9 abgegebenen Stimmen.
Loading...