
Der Last-Minute Fußballgott.
09.02.2026
Am Samstag war er gerade im Off-Modus. Obwohl es von ihm heißt „Er schläft noch schlum-mert nicht.“ Die Rede ist von Gott. Präziser: Vom Fußball-Gott. Zugespitzt: Vom Last Minute Fußballgott.
Den haben die frommen Schwaben in der letzten Zeit gebucht. Wenn sich das Spiel dem Ende zuneigt, ist der Last-Minute Fußballgott dem VfB Stuttgart hold. Ein spätes VfB Tor ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Neulich war es der Traumschuss von Ermendin Demirovic zum 1:0 gegen Freiburg. In der Nachspielzeit. Das war Bundesliga. Wenige Tage davor das 3:2 von Chema Andres gegen die Young Boys aus Bern. Europa-League. In der 90-igsten Minute. Ich war im Stadion, also kann ich sozusagen Zeugnis ablegen von Gottes Eingreifen. Noch ein paar weitere Tage zurück: DfB-Pokal gegen Holstein Kiel. Lange ging gar nichts. Die Störche aus dem Norden hatten Jahre zuvor zu Hause Bayern München geschlagen. Und in dieser Runde auch schon zwei Erstligisten rausgekegelt. Aber die hatten vermutlich keinen Fußballgott an ihrer Seite. Wohl aber die Mannen mit dem Brustring. Kurz vor Schluss klingelte es dreimal im Stor-chennest. Die Kieler schipperten sozusagen Kiel oben aus dem Pokal.
Der Fußball und der Gottesdienst haben eines gemeinsam: Solange gesungen wird, ist die Messe nicht gelesen. Ob es nun die Kantorei ist oder der Fanblock, ist eigentlich wurscht. Je-denfalls werden immer mehr Spiele sogar nach Ablauf der 90 Minuten umgebogen frei nach Lukas 1, Vers 37: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“
Kenner des Handelns Gottes und des Fußballs gleichermaßen erinnern sich in diesem Zusam-menhang freilich an Diego Maradonas Handtreffer 1986 im Viertelfinale der Weltmeisterschaft gegen England. Der argentinische Ultra-Katholik behauptete steif und fest, es sei nicht seine, sondern die Hand Gottes gewesen, die den Ball ins Tor der überwiegend gottlosen Briten bugsiert habe.
Am letzten Samstag gings gegen eine Heilige Mannschaft, die am Millerntor auf dem Heiligen-geistfeld kickt. Der FC St. Pauli hat auswärts keinen göttlichen Beistand. In Dortmund stand es eine Woche zuvor bis zum Schluss 2:2. In der 96. Minute knallte Emre Can einen Elfer rein und Dortmund siegte.
Vor zwei Tagen lag der VfB bis zur 90-igsten Minute 2:0 hinten. Aber da kam die Zeit der Schwa-ben erst noch. In der 90-igsten schlug Chema Andres zu. 2:1. Und in der Nachspielzeit pflegen die Mannen aus Stuttgart den Gegner so richtig zu filetieren. Aber der Last-Minute-Fußballgott konnte sich offenbar nicht zwischen den Saints aus Hamburg und den pietistischen Schwaben entscheiden. So ließ er nach langer Zeit den VfB am Ende im Hamburger Eisregen stehen.