Die Toleranz stirbt aus.

Was ist eine Gesellschaft bereit, zugunsten einer Minderheit zu tolerieren? Bin ich bereit, hun-derte von Motorrädern, viele davon extrem laut weil sound-optimiert, am Wochenende an meinem Grundstück vorbeifahren zu lassen? Am vergangenen Wochenende protestierten die Biker gegen Fahrverbote, lärmgeplagte Anwohner wünschen sich diese sehnlich.

Diese Frage nach der Toleranz stellt sich in Corona-Zeiten, wo viele ihren Alltag in Wohnung und Garten verbringen müssen, vehementer denn je. Tägliches Grillen, Feten mit lauter Musik, Rasenmähen zu jeder Tageszeit, lautes Heimwerken – das kann einem schon mal gewaltig auf den Keks gehen, wenn man mal ein Stündchen Ruhe im Garten sucht.

Die Frage, was eine Gesellschaft zu tolerieren bereit ist zugunsten einer Minderheit, ist zu einem großen Themen unserer Zeit geworden. Gerichte haben sich mit unzähligen Nachbar-schaftsstreitigkeiten zu beschäftigen, Polizeieinsätze wegen ruhestörendem Lärm nehmen zu. Der Staat soll es richten, weil immer weniger bereit sind, sich ihre Freiheit begrenzen zu lassen, sich massiv gestört fühlen durch das Leben der anderen.

Das Problem dahinter ist grundsätzlicher Natur: Selbstverwirklichung ohne Grenzen heißt die Maxime. Gemeinschaftsleben funktioniert aber nur, wenn ich bereit bin, Rücksicht auf Andere zu nehmen. Meine Freiheit stößt da an ihre Grenzen, wo ich andere in ihrer Freiheit be-schränke. Hier geht es um eine grundsätzliche Haltung der Achtung und des Respekts. Und die kommt uns in unserer Selbstoptimierungsgesellschaft immer mehr abhanden. Genauso wie die Utopie, dass meine Mitmenschen Schwestern und Brüder sind und nicht Feinde. Der ge-sellschaftliche Kitt einer verbindlichen Ethik ist uns abhandengekommen. Vielleicht kann uns das Zusammenrücken mit Abstand in der Corona-Krise wenigstens eine Ahnung vermitteln, was Gemeinschaft ist und wie sie gelingen kann.

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