Der unmündige Bürger.

Beim Deutschen muss alles geordnet sein. Es ist fast 50 Jahre her, da saß ich mit einem Freund im Jazz-Club und hörte zum ersten Mal Free-Jazz. Ein sogenannter Musiker ließ einen Garten-schlauch durch die Luft wirbeln, der seltsame Töne erzeugte. Die anderen spielten irgendwas, das sich dadurch auszeichnete, dass es nicht zusammenpasste. Als ich gequält aufstöhne, dreht sich der Kunstfreund vor mir um und sagt eben diesen Satz: Ja, ja. Beim Deutschen muss eben alles geordnet sein. Dieser Satz hat mich bis heute begleitet. Und jetzt denke ich wieder darüber nach – bei den Einschränkungen durch die Pandemie.

Beim Deutschen muss alles geordnet sein. So kämpfen wir uns durch einen Dschungel von Paragrafen und Vorschriften. Wieviel einfacher wäre es, den Bürger als mündig zu betrachten und sich darauf verlassen zu können, dass er in weiser Einsicht, was für die Gesundheit und das Leben aller weiß, was jetzt zu tun ist. Aus einer Maskenpflicht würde ein Maskengebot. Aus den 1 ½ Meter Social Distancing auf Verkehrsflächen, die mit dem Maßband vermessen werden müssen, würde eine Selbsteinschätzung, wann ich für andere eine Gefahr darstelle. Aus der Quarantänepflicht würde ein sozialer Akt der Selbstisolierung, um meine Erreger nicht durch die Gegend zu tragen.

In Holland machte man vor Jahren einen interessanten Versuch: Eine Kleinstadt schaffte na-hezu alle Verkehrsschilder ab und vertraute darauf, dass die Bürger die Augen aufmachen und Rücksicht aufeinander nehmen. Fazit: die Unfallzahlen gingen zurück. Aber beim Deutschen muss eben alles geordnet sein. Dem Bürger werden das Denken und die Eigenverantwortung systematisch abgewöhnt. Aber auch deshalb, weil soziales Verhalten und Rücksichtnahme bei uns offensichtlich nur über Zwang und Bußgeld zu erreichen ist. Schade eigentlich. Wir neh-men uns als denkende Wesen selbst nicht ernst.

Der unmündige Bürger.
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