Das verstaubte Holzkreuz.

Die Tür geht auf und eine kleine Frau wuselt durchs Zimmer. Herr Mahler, damit störe ich sie nur einmal die Woche, sagt sie und beginnt, auf allen horizontalen Flächen mit dem Feudel Staub zu wischen.

Ich liege im Krankenhaus. Und warte auf meine Diagnose. Es ist ein konfessionelles Krankenhaus, also hängt auch in jedem Krankenzimmer ein schlichtes Holzkreuz. Und das hat durchaus auch horizontale Flächen: Am Querbalken und oben auf dem Längsbalken. Gespannt warte ich ab, bis die Reinigungskraft dort ankommt. Und tatsächlich: sie staubt auch das Kreuz ab.

Ja, denke ich, das ist gut. Das Kreuz gehört abgestaubt. Vielleicht ein wenig gründlicher und auch öfter als einmal die Woche. Wie gut wäre das! Wenn der Zuspruch, der von diesem schlichten Holzkreuz, an dem der Gekreuzigte und Auferstandene nicht mehr hängt, wieder auf die ängstlich auf ihre Diagnose wartenden Kranken überspringen könnte. Vom Auferstandenen selbst, der den Tod und die Angst besiegt hat. Eigentlich denke ich, müsste ich mich nur dafür öffnen und wieder vertrauen, dass er mich jetzt an der Hand hält. Nach diesen Gedanken falle ich in einen wohltuenden Schlaf. Geborgen in der Hand dessen, der das Leben gibt und das Leben erhält. Und zu dem es am Ende meiner Tage auch wieder zurück geht.

Ich würde der kleinen fleißigen Frau gerne sagen, wie gut mir Ihre Geste des Kreuzabstaubens getan hat. Aber da ist sie schon längst auf einer anderen Station. Gut, dass sie das Kreuz beim Abstauben niemals vergisst.

Das verstaubte Holzkreuz.
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