Bei sich sein.

Der Tag hat zu wenige Stunden, damit das, was ich alles schaffen will, das, was ich alles erle-ben könnte, hineinpasst. Das war früher. Heute sind die Tage lang. Ich versuche, ihnen eine Struktur zu geben. Morgens nicht liegenzubleiben, obwohl niemand von mir verlangt, dass ich aufstehe. Mir meine tägliche Bewegung gönnen. An die frische Luft gehen. Das, was ge-tan werden muss im Garten, im Haus, einkaufen, ein paar wenige Bürotätigkeiten wie der Kommentar, den ich jeden Tag aufnehme, gut verteilen. Alles als Highlights in einem ereig-nislosen Tag zelebrieren. Wie auch das Essen zubereiten und zu mir nehmen.

Mir fällt auf, dass ich bisher immer von Termin zu Termin gelebt habe. Im Beruf, aber auch in der Freizeit. Fast schon fanatisch habe ich verhindert, mal nichts zu tun. Nicht zweckgebun-den zu denken. Nicht für andere da zu sein und mich für sie einzusetzen. Jetzt, dank Ruhe-stand und Corona, bin ich ganz auf mich zurückgeworfen. Ich merke, dass ich weniger Musik höre, fernsehe, Zeitung lese als sonst. Ich versuche, es mit mir auszuhalten. Stille zu ertra-gen. Gedanken, die aufsteigen, wenn alles andere schweigt, anzunehmen. Einatmen – kom-men lassen – ausatmen – loslassen. Ich habe das gelernt, das Sitzen in der Stille. Meditieren. Meine innere Mitte finden. Und merken, dass ich gehalten bin.

So gesehen ist diese Zeit auch eine Chance. Die Chance, Wichtiges von Unwichtigem zu un-terscheiden. Die Geschwindigkeit des Lebens herunterzufahren. Sich nicht mehr zu Tode amüsieren. Ich merke auch, wie ich über die wenigsten Witze, die gerade kursieren, lachen kann. Nicht, weil ich meinen Humor verloren habe. Sondern weil mir vieles einfach hohl und billig vorkommt. Eine unnötige Ablenkung wie das „in den April schicken“. Ich wünsche ihnen einen Tag, an dem sie es mit sich aushalten.

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