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Ausgerechnet der Spiegel. Mahler meint am 20.12.2018

160203_Mahlermeint_bannerBisher war er unerreicht. Weder der Stern noch Focus mit Fakten Fakten Fakten konnten an den Spiegel heranreichen. Gut, er ist immer noch schwer zu lesen in der Welt der bunten Bilder, weil blei-lastig. Aber er hatte immer Substanz. Seine Reportagen galten als sauber recherchiert, seine Berichte nicht sensationsheischend, sondern nüchtern und von gutem journalistischen Schreibstil geprägt. Eine letzte Bastion – vielleicht zusammen mit der ZEIT. Was die Spiegelaffäre 1962 nicht schaffte, das kriegt ein gerade mal 33 Jahre alter Schreiberling vielleicht doch noch hin: Dem Renommee des Spiegel als zuverlässiges Nachrichtenmagazin nachhaltig zu schaden und ihm die Glaubwürdigkeit zu nehmen. Und da stellt sich die Frage, was Claas Relotius geritten hat. Seit er 22 Jahre alt ist arbeitet der Nachwuchsstar für den Spiegel – und auch für andere renommierte Magazine. 2014 wird er mit dem CNN Award ausgezeichnet – ein Ritterschlag für jeden Journalisten. Relotius hätte das nicht nötig gehabt. Seine Reportagen waren brillant. Er war ein Nachwuchsstar am deutschen Nachrichtenhimmel. Zum Verhängnis wurde ihm ein Artikel über eine Bürgerwehr in Arizona. Die Pressefrau der Wehr reibt sich verwundert die Augen und fragt nach, wie Relotius eine Vor-Ort-Geschichte schreiben konnte, obwohl er niemals vor Ort war. Das und die hartnäckige Recherche eines Spiegel Kollegen brachte den Stein ins Rollen. Bis der Spiegel gestern zerknirscht einräumen musste, dass einige der Stories sauber recherchiert sind, andere schön und brillant erzählte Märchen, viele liegen irgendwo dazwischen. Relotius hat die Fake-News teilweise eingeräumt und dann sein Büro im Hamburger Spiegel-Hochhaus verlassen. Sein Twitter Account ist derzeit nicht erreichbar. Ich hoffe, dass der Spiegel dieses journalistische Beben überlebt    – es wäre wirklich schade um DAS deutsche Nachrichtenmagazin schlechthin. Die letzte Ausgabe liegt auf meinem Bürotisch und schaut mich unschuldig an. Die Titelstory: Familien und ihre Geheimnisse.

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