Mahler meint am 7. April 2020

Man kommt ja auf die absurdesten Ideen in diesen Tagen. Ich habe angefangen, im Keller die mehr als 3.000 Dias auszupacken und auszusortieren. Für die jüngeren unter uns: Das sind kleine Fotos, gerahmt und mittels eines Projektors an die Wand zu werfen. Ich bin nicht weit gekommen. Die ersten 300 habe ich bis auf wenige Ausnahmen weggeschmissen. Die weni-gen, die es sich lohnt, aufzuheben, wollte ich digitalisieren, also mittels eines Dia-Scanners auf den Rechner übertragen. Das habe ich bald aufgegeben, weil die Qualität so mies ist, dass ich keine Freude an diesen Bildern habe. Also werde ich die Schätzchen unter ihnen als Dias be-halten und sie wieder in den großen antiken Schrank packen, der Im Keller vielleicht lohnendes für die Nachwelt beherbergt. Dias 400-500: Unsere Hochzeitsfotos. Mir ist aufgefallen, dass viele von denen, die es da zu bestaunen gibt, nicht mehr leben. Also werde ich diese Bilder ohne Ausnahme im Schrank aufheben. Und den Diaprojektor dazu. Denn so etwas wird es bald nicht mehr zu kaufen geben – höchstens gebraucht bei ebay und Co.

Unserer Tochter habe ich ein wunderschönes Bild geschickt, das schon als Erbstück meiner Schwiegereltern auf uns übergegangen ist. Mein Schwiegervater im Trenchcoat und mit Hut neben meiner Schwiegermutter im eleganten Mantel. Die beiden sehen aus wie Filmstars aus den Fünfzigern – so Preisklasse Humphrey Bogart. Sie stehen auf dem Markusplatz in Venedig inmitten von Tauben. Auf ihrer Verlobungsreise entstand dieses Bild, wie mir meine Frau glaubwürdig versicherte.

Gestern brachte uns unsere Tochter das Bild vorbei, auf Leinwand auf einem Rahmen aufge-zogen. Wir haben eine Ahnengalerie in unserem Haus, dort wird es einen Platz finden.

Ein schönes Zeichen in diesen Zeiten, wo wir auf Reisen verzichten müssen. Die Botschaft, die mir dieses Bild vermittelt: Es gibt ein davor und es wird auch ein danach geben. Wir werden diese pandemische Krise überstehen und die Welt wird sich weiterdrehen. Der Auftrag dieses Bildes an uns: bemühen wir uns, die Welt zu erhalten. Sie ist es wert.

Mahler meint am 7. April 2020
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