Die bekannte Berliner Yoga-Expertin Patricia Thielemann gibt im folgenden Gespräch Tipps zum Thema – Wie starte ich mit positiver Energie ins Neue Jahr? Ihr Motto für Januar: “Action Mode – Step Into Your Light!”
Wie beginnst du dein neues Jahr und was bedeutet es für dich?
Ich beginne das neue Jahr indem ich mir große, neue Ziele gesetzt habe. Das ist das spannende am Jahresanfang. Etwas zu haben, auf das man Stück für Stück hinarbeitet, wofür es sich lohnt jeden Tag aufzustehen, eine Herausforderung im Leben zu haben. Somit war es mir auch wichtig, alles Alte abgeschlossen zu haben am Ende des Jahres, damit ich jetzt wirklich neu schauen kann, was der nächste Schritt in meinem Leben ist. Und das versuche ich jedes Jahr so beizubehalten, dass ich wirklich im Dezember noch mal richtig ranklotze, die alte Arbeit erledige, um dann zu schauen, welcher Schritt der nächste ist, der in meinem Leben Sinn macht. Den definiere ich meistens an Silvester, um dann im Januar wirklich damit beginnen zu können.
Was bedeutet „action mode“?
Ein „action mode“ ist, sich selber das Wort zu geben, ins Licht zu treten und nicht zurück zu halten. So häufig sagen wir uns „ja ich möchte gerne dies und das“ und dann guckt man zurück und 10 Jahre sind vergangen und es ist eigentlich gar nichts passiert. Ich denke, es ist ganz wichtig, dass man sich das Versprechen gibt einen Schritt zu tun und ihn dann auch geht. Und auch darum weiß, dass es Kraft, Selbstvertrauen, Mut und Selbstreflektion erfordert, diese Schritte zu gehen, dass es vielleicht nicht immer einfach ist und dass das Ziel, das man sich setzt auch eins sein sollte, das realistisch genug ist und trotzdem eins, das einen genügend herausfordert. Das nicht zu nah an einem dran ist aber trotzdem etwas, wo man weiß “das kommt aus mir, da muss ich mich hin entwickeln” und nicht etwas ist, das bei den Haaren herbeigezogen ist. Und ich denke, dass einem dabei die Yogapraxis enorm helfen kann, weil man durch das regelmäßige Yogapraktizieren einfach zu einer Klarheit findet, sein Leben so zu sehen wie es ist und zu gucken was kann ich, wer bin ich, welche Schritte sind jetzt im Moment entscheidend für mich. Damit man genau das dann tun kann und nicht eben irgendwie nach Luftschlössern greift.
Welche Übungen bestärken den „action mode“?
Das Wichtigste ist erst mal eine Regelmäßigkeit, im Yoga nennen wir das Tapas, diese immer wiederkehrende Disziplin, wirklich jeden Morgen aufzustehen sich auf die Matte zu begeben, egal ob man es nun morgens oder abends tut, aber immer wieder die Regelmäßigkeit beizubehalten. Und dann auch innerhalb der Übungspraxis: Übungen, die Hitze erzeugen, die das was an Müdigkeit, an Negativem da ist, regelrecht verbrennen. Das sind meistens Übungen, die das Zentrum stärken, das sind auch Umkehrhaltungen, gerade Übungen die einem vielleicht ein bisschen Angst machen, dem man sich immer wieder neu stellt und merkt, das Herz fängt an zu klopfen, “kann ich das?”. Nichts halsbrecherisches, aber trotzdem Übungen, bei denen man merkt „ui! Trau ich mich da ran?”. Das interessante ist, es geht gar nicht so sehr um die Übungen, um den Handstand den man macht. Es geht im Yoga nicht um die Form an sich, sondern dieses Sich-stellen im Moment und merken, Unmögliches ist doch möglich. Vielleicht dauert es ein halbes Jahr oder auch ein Jahr, bis man sowas souverän kann, aber das macht gar nichts. Man merkt dabei, dass ganz egal wie alt man ist – ob nun 30 oder 50 – das Unmögliche ist trotzdem möglich. Darüber wird über die Praxis auf der Matte deutlich, was man in seinem Leben vielleicht noch bewerkstelligen kann, wo man sich vorher gar nicht heran getraut hat.
Was bewirkt der „action mode“?
Das “ins Licht treten” ist, wirklich zu spüren: Was ist meine Berufung? Was ist mein authentischer Ausdruck im Leben? Und den Mut zu haben, genau das zu zeigen, nicht mehr zurück zu halten oder zu sagen “ja”, “nein, andere“ oder Entschuldigungen zu finden, sondern wirklich zu sagen: Das bin ich und ich bringe mich ein! Ich bringe mich auch in der Gesellschaft ein! Also nicht nur meinen Selbstausdruck, den sich dann alle anderen anschauen müssen und zurück setzen müssen, sondern ich glaube, dass jeder einen Platz auf dieser Welt hat und jeder etwas zu bieten hat, wie er sich einbringen kann, um vielleicht ein Stück die Welt positiv mit zu verändern. Wenn wir das alle tun, dann ist es tatsächlich möglich, eine bessere Welt zu erschaffen. Das mag idealistisch sein, aber ich glaube daran und sehe an den doch tausenden Schülern, die zu Spirit Yoga kommen, dass zumindest die das auch tun. Und das allein hier in den Räumlichkeiten von Spirit Yoga eine andere Atmosphäre herrscht, die nur bedingt durch das was ich unterrichte geschaffen wird, aber eben auch durch das, was vom Einzelnen kommt. Dass einfach die Energie hier eine ganz andere ist und dass selbst ganz pragmatische Menschen, wenn sie hier hereinkommen, denken: “Wow hier ist eine Klarheit und Konzentration und eine Ruhe wie man sie selten in der Welt findet!”
Was änderst du im neuen Jahr?
Antwort: Ich ändere nicht die Dinge, die sich bewährt haben und die gewachsen sind, aber ich reflektiere schon mein Leben und gucke mir an, was funktioniert hat und was vielleicht nicht so funktioniert hat. Die Dinge, mit denen ich selber hadere, dass ich weiter an denen arbeite und hoffentlich eine neue, andere Strategie zum Jahresanfang jetzt wähle, die mir ermöglichen, die im Weg liegenden Stolpersteine jetzt aus dem Weg räumen zu können. Albert Einstein hat mal gesagt: „Die Definition von Wahnsinn ist wenn man immer wieder die gleiche Sache macht und doch auf ein anderes Ergebnis hofft“ und ich glaube: Wenn das Jahr beginnt, sollte man gucken: Wo bin ich jetzt zehnmal gegen die Wand gelaufen und wie mach ich es diesmal anders? Kreativ damit umzugehen und einfach zu sagen „ich versuch mal was anderes“ und spielerisch auch damit umzugehen. Manchmal öffnet sich dann von ganz allein die Tür.
Änderst du auch dein Training für das neue Jahr?
In jeder Yogapraxis (für mich selber, als auch wenn ich unterrichte) achte ich darauf, dass ich das, was an Konditionierung bei mir vorhanden ist und auch im Schüler vorhanden ist, immer wieder auflöse. Das heißt, dass ich nie in der gleichen Sitzhaltung beginne, sondern eigentlich immer wieder in Frage stelle, was vielleicht schon mal etabliert war, damit man sich immer neu im Moment definiert, neu seinen Sitz oder seinen Stand in der Position findet. Ich denke, es ist eine ganz wesentliche Sache, dabei flexibel zu bleiben, spielerisch mit der Yogapraxis umzugehen, aber jetzt nicht willkürlich irgendetwas anderes, Freestyle-mäßiges auszuprobieren, sondern einfach zu gucken, wo stecke ich in meinen Gewohnheiten fest, welche Bewegungsabläufe hab ich jetzt zum 10-tausendsten Mal schon so verinnerlicht, dass es sich verselbstständigt hat. Und wenn das passiert, wieder neu hinzugucken, um wirklich im Moment mich selbst wahrzunehmen. Um die Praxis wieder ganz fühlen zu können, ist es wichtig, das Rad der Zeit einen Moment anzuhalten und einen neuen Weg zu versuchen. Es ist ganz klar ein Mittel zum Zweck und nicht irgendwie willkürlich oder Freestyle.
Wie hältst du deine guten Vorsätze durch?
Was Neues starten und durchhalten ist ganz schwer. Das sehe ich immer bei uns, wenn am Jahresanfang die Kurse brechend voll sind, die halbe Stadt zu uns kommt, und bis Ostern doch nur die Hälfte durchhält und dann auch im Sommer noch da ist. Ich glaube, dass es ganz wichtig, die Ziele, die man sich setzt, eben Ziele sind, die tatsächlich zu erreichen sind. Dass man sich und das Leben genügend reflektiert, um die Ziele so finden zu können, stecken zu können, dass sie erreichbar sind.
Nehmen wir mal an, jemand möchte abnehmen. Dann ist es vielleicht nicht realistisch, zu sagen “das müssen jetzt 10 Kilo sein und ich will aussehen wie Twiggy”, sondern dass das in Maßen ist. Ich denke, wenn jemand jetzt über die Weihnachtstage vielleicht 2,3 Kilo zugenommen hat und sagt “ok, bis Ostern sind die wieder weg”, dann wäre das ein realistisches Ziel zu sagen “2,3 Kilo, ohne mich jetzt dafür umzubringen, das schaffe ich!”.
Wie schaffe ich das? Indem ich wirklich einen Vertrag mit mir schließe und einfach eine Praxis habe, die mich immer wieder daran erinnert, wofür ich mir mein Wort gegeben habe. Ich glaube, da kann Yoga unheimlich helfen! Ähnlich wie Menschen vielleicht, die in die Kirche gehen und sich auf ihre Werte besinnen, auf ihren Bezug zu Gott. So kommen sie zu Spirit Yoga, um sich immer wieder zu erinnern, “was ist für mich wirklich wichtig, was möchte ich erreichen, wo möchte ich hin mit mir als Mensch, beruflich, mit allen Aspekten meines Lebens?” und einfach durch den Rahmen, den Raum der hier geschaffen wird, sich an das was wirklich zählt zu erinnern – was manchmal im Alltag verloren geht, weil einfach zu viel los ist. Und dann denkt man: “Naja, alles andere ist wichtiger, nur ich nicht”.
Spirit Yoga ist ein Ort, wo man immer wieder andocken kann an das, was wirklich wesentlich ist. Dann hat es auch Beständigkeit, wenn man immer wieder erinnert wird, sich selber immer wieder erinnert. Und auch das, was an Sog der Konditionierung vorhanden ist, wird durch die Praxis wie aufgelöst. Wir ziehen tendenziell immer dahin, wo die Bequemlichkeit ist. Wir ziehen zu dem, was wir schon kennen. Das aufzulösen, diesen Sog der Konditionierung aufzulösen, ist nicht einfach. Wenn man dann gezielt durch Übungen ansetzt, die unser Denken und auch unsere Körperstrukturen so bearbeiten, dass das woanders hinzieht, dann haben wir die Chance, das, was uns immer wieder einholt, tatsächlich hinter uns zu lassen und in unser Licht zu treten.
Welche Yogaübungen helfen während der langen Winterzeit Energie zu tanken?
Es ist ganz wichtig, erst einmal so einen Ist-Zustand für sich zu definieren und zu gucken “wie fühle ich mich?” und auch wahrzunehmen, wenn vielleicht eine Erschöpfung da ist, so ein Winterschlaf Zustand. Sich dann auch wirklich mal richtig auszuschlafen, also nicht wenn man Fix und Fertig ist zu hoffen, dass drei fixe Übungen einen zum Duracell-Männchen werden lassen, sondern dass man auch darauf hören sollte, wenn es draußen dunkel ist und man müde ist und alles sich so schwer anfühlt, dass man dem auch mal nachgibt, um wirklich durch Schlaf zu neuen Kräften zu finden. Dann wird es aber auch irgendwann Zeit das Herz-Kreislauf-System wieder in die Gänge zu kriegen. Und dafür ist es wichtig, dass man Übungen macht im Yoga, die die Energien nach oben fahren. Das wären z.B. die Sonnengrüße, das wären Rückbeugen und Umkehrhaltungen.
Man sollte seine Praxis, wenn man die Energie insgesamt steigern möchte, so ausrichten, dass man Übungen die so sehr nach innen gehen und sehr auf Entspannung ausgerichtet sind, die ein Stück in den Hintergrund stellt und primär wirklich in Wallung gerät. Gerade nach so einem Winter, wenn man merkt es zieht sich alles so runter, dann in Maßen dagegen arbeitet. Wenn man merkt, man atmet wieder richtig durch, das Herz schlägt kräftig, dann kommt das schon ganz von alleine, dass man merkt: “Ah, das was düster ist, löst sich und man merkt richtig wie das so durch geht und man zu neuer Kraft findet”. Ich glaube, man muss es einfach nur machen und selbst wenn man müde ist und sagt „ich kann nicht, ich will nicht“, die Matte ausrollen, sich drauf stellen und einfach machen. Und dann löst sich der Zustand, der schläfrige, schon auf.
Welche Yogaübungen helfen Schwangeren während der Winterzeit?
Schwangere sollten generell schauen, dass sie nach innen gehen. Die Schwangerschaft ist eigentlich die schönste Zeit im Leben einer Frau. Weil man nichts und niemanden was beweisen muss. Sonst haben wir Frauen gelernt, auch unseren Mann zu stehen – oder unsere Frau – und meinen, alles gleichzeitig machen zu müssen. Viele Frauen, auch in der Schwangerschaft, meinen das aufrechterhalten zu müssen, weil unsere Welt so funktioniert: Wenn eine Schwangere irgendwie eine Woche vor der Geburt noch 8 Stunden am Tag voll arbeitet, dann ist das irgendwie ein Erfolgserlebnis. Doch das sehe ich nicht so. Ich denke, dass es ganz entscheidend ist, dass man sich dem Baby widmet, was da in einem heranwächst, und dass man sich die Ruhe gönnt, zu neuen Kräften zu kommen, auch die Arbeit die man leistet in der Schwangerschaft zu würdigen. So ein neues Menschenleben zu erschaffen aus dem eigenen Fleisch und Blut, etwas ist, was man als Frau würdigen sollte. Sich die Ruhe geben, die es braucht, weil jede Stunde die ich mehr schlafe, jeder Moment indem ich bei mir bin, ein Moment ist, den ich meinem Kind schenke und der meinem Kind Selbstvertrauen geben wird, ein Zuhause jetzt schon im Bauch geben wird – Das ist etwas ganz Wesentliches. Sich nicht mehr zu peitschen und zu machen und irgendwas zu beweisen, sondern nach innen zu gehen, um diese Nähe zum Kind spüren zu können.
Im Februar findet ein Workshop statt, den du mit deiner langjährigen Lehrerin Anna Forrest zusammen machst. Ihr seid beide starke Persönlichkeiten. Wie ergänzt ihr euch, wo liegen die Unterschiede?
Meine Lehrerin Anna Forrest ist schon eine extreme Persönlichkeit. Ich sehe sie eher so wie eine Schamanin, die einfach im Moment heraus erspürt, was jemand braucht, und wirklich so die Essenz wittert. Da bin ich anders. Ich denke, mein Unterricht zeichnet sich dadurch aus, dass ich durch meine jahrelange Arbeit als Schauspielerin und dann auch als Ausbilderin für Yogalehrer ein gutes Gespür dafür habe, wie viel Energie es in welchem Moment braucht als Lehrer. Es gibt Momente in denen man als Lehrer das Kaninchen aus dem Hut zaubern muss, einfach um die Leute zu inspirieren und bei der Stange zu halten. Es wird andere Momente geben, wo ich als Lehrer unsichtbar werden sollte, wo es besser ist in den Hintergrund zu treten, weil es ja in dem Moment nicht um mich sondern um die Erfahrung des Schülers geht.
Und genau dieses Gespür zu entwickeln, wovon man wann wie viel, wann streng, wann sanft, wann zurück, wann einbringen, das denke ich, ist meine Stärke, während Anna Forrest sehr viel körperlicher ist. Ihre Praxis ist unheimlich intensiv und das in Kombination, diese eher feinere Arbeit die ich mache und gerade diesen Schliff für Yogalehrer an der Herangehensweise, an der Didaktik, in Kombination mit dieser wahnsinnig fordernden Praxis, in der man sich wirklich tiefer begegnen kann, ist eine interessante Kombination.
Über Patricia Thielemann:
Patricia Thielemann-Kapell ist Gründerin der Spirit Yoga Studios in Berlin. Nach einigen Abenteuern, Irr- und Umwegen hat Patricia Thielemann durch Yoga nicht nur ihren persönlichen Weg, sondern auch ihre Berufung gefunden. Ihre verschiedenen Yogalehrerausbildungen absolvierte Sie am Jivamukti Center in New York, dem Center for Yoga sowie dem Forrest Yoga Circle in Los Angeles. Darüber hinaus verfügt Patricia Thielemann über eine Zusatzausbildung für Schwangerschaftsyoga , welche sie bei Colette Crawford in Seattle absolvierte. Geprägt durch den Einfluss von Ana Forrest und anderen großen Yogameistern hat sich über die Jahre ihr eigener individueller Unterrichtsstil entwickelt. Im “Spirit Yoga” bestimmen nordische Klarheit gepaart mit kalifornisches Lebensgefühl den Ton. Das Streben nach innerer Freiheit, authentischer Ausdruck, sowie die Beziehung zu Gott und der Welt sind Themen, mit denen sich Patricia auseinandersetzt.
Mehr Informationen finden Sie in Patricia Thielemanns persönlichem Blog zu Yoga und Spirit.
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