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Das Heilige und das Profane.

Die römisch katholische Kirche fürchtet eine Banalisierung seiner Riten. In Italien ist der Hostienstreit ausgebrochen. Hostien kann man inzwischen im Supermarkt kaufen – in verschiedensten Geschmacksrichtungen. Skandal! Donnert es vom Heiligen Stuhl – Hostien sind aus Weizenmehl ohne Zusätze. Glutenarm gerade noch so, glutenfrei geht gar nicht. Und dann erlauben sich doch manche Priester, Traubensaft statt Messwein bei der Eucharistie zu verwenden. Das geht aber nur in Ausnahmefällen – wenn der Priester schwerer Alkoholiker ist zum Beispiel. Mal naiv nachgefragt: kann ein schwerer Alkoholiker sein Priesteramt überhaupt ausüben? In einer kurzen Trockenphase? Um dem allem die Krone aufzusetzen hat jetzt der Videokünstler Alexander Karle auf dem Altar einer katholischen Kirche 28 Liegestützen gemacht, gefilmt und das Ganze als Videokunst deklariert. Ein Amtsgericht verurteilte Karle daraufhin wegen Störung der Religionsausübung. Der legte Revision ein – und bekam Recht. Kunst ist das, was der Künstler als Kunst bezeichnet, urteile das Landgericht Saarbrücken – und ver-urteile den Künstler wegen Hausfriedensbruch – er war über die Kordel gestiegen, die den sakralen Altarraum vom profanen Zuschauerraum abgrenzt.

Jetzt frage ich mich, ob sich die katholische Kirche wundert, dass sie vielen Menschen fremd geworden ist. Die Würdenträger in ihren Trachten tragen ja auch nicht gerade zur Volksnähe bei. Merke: um Glauben zu vermitteln muss man das Vertrauen der Menschen gewinnen. Und das beginnt oft in ganz banalen Dingen wie einer nachvollziehbaren Abendmahlsfeier, moderne und nicht nur mittelalterliche Kunst in der Kirche und einem An- und Aufzug, der nicht tief befremdet. Ekklesia semper reformandum sagte Luther. Die Kirche erneuert sich ständig – oder sie hört auf. Kirche des Volkes zu sein.

 

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